Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Familientafel

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    Erst gegen Abend konnte Schreckhorn von Vater und Schwestern los, und ging in, die eigene Wohnung, Da war Hilda nicht! Auch der Kleine fehlte! So kleidete sie sich denn in Frau Warnkönigin um, entschlossen zur Baronesse zu gehen und die letzten entscheidenden Schritte zu thun. Sie sah in den Spiegel, und versprach noch einmal Alles ihrer dahin; geschiedenen Freundin, was diese selbst hatte ausfüh? ren wollen. Sie verhieß sich die größte Wickung von ihrer Erscheinung — und das die verstoßene Tochter gestorben war, mußte zuletzt erst den größten Eindruck machen, und sie übergab dann den Brief derselben an ihre Mutter.
    Am Marstall erkundigte sie sich nach Hilda, und erfuhr mit Erschrecken, daß das arme Mädchen wahrscheinlich nach einem Gefängniß abgeführt worden. Das war die Stimmung, deren sie grade bedurfte.


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    Fräulein Schreckhorn ließ sich also bei der Baronesse als Frau Warnkönig melden. Der erste Bediente brachte ihr die Antwort: „angenommen.“ Gleich darauf die Kammerfrau die hastige Entschuldigung: „Frau Baronesse sei krank!“ — Ein anderer Bedienter führte sie in das vorige Zimmer der Erinnerung. Da stand sie nun verschleiert.
    Den Brief vom Vater hatte die Baronesse erhalten — sie hatte seine Unterschrift gesehen. Hilda's Familiennamen —. „Warnkönig“ hatte die Baronesse nicht erfahren, wenn sie auch von der Gegenwart ihrer Mutter gehört; und daß nun auf einmal die verstoßene Tochter da sei, daß setzte sie in die größte Bestürzung. Denn mit dem Herrn und ihrem Sohne hatte sie seit Mittag noch nicht gesprochen. Auch daß die Vormittag erschienene Hilda die Tochter der Tochter, ihre Enkelin gewesen — wie wäre ihr das eingefallen? und auch jetzt ergab es sich nicht aus der neuen Erscheinung. Ein Bedienter brachte Licht und zündete die Rubinlampe an. „Frau Warnkönigin“ stand verschleiert, und wahrhaftig mit Herzklopfen, aber fest in der Rolle.
    Endlich erschien die Baronesse, hastig bis in die Thür, nun langsam, Mit leiser Glimme frug sie nach dem Namen der Fremden; und ungewiß, ob auch sie durch Schreckhom etwas — und was sie wisse, oder geglaubt habe, da ihr doch weiter nichts klar sein konnte, frug sie noch leiser: ob sie Schweizerin sei?


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    Und nun erzählte ihr die angebliche Frau Warnkönig die Geschichte ihrer Begrabung durch die Lawine, ihre Rettung, Verheirathung mit dem Buchhändler Warntönig, seinen Ruin durch die Nachdrucker, alle ihre Befürchtungen, und bat sie nur: das Gesuch zu unterstützen, das ihre Tochter Hilda diesen Morgen bei der gnädigen Frau Baronesse angebracht.
    „. . . Deine Tochter!“ . . . frug diese mit bebender Stimme. Ihr Mutterherz schlug furchtbar mahnend cm die alte Brust. Sie faltete die Hände und schien still zu beten. Dann erhob sie den Schleies der bescheiden und schweigend vor ihr stehenden Gestalt in schwarzem Kleide, sie sah ihr ins Gesicht, das die reinsten unbefangensten Züge, die mildesten, klarsten Augen zeigte, und jetzt nur noch von Verwunderung über sie verschleiert schien.
    „Du bist es! Du“ . . . stammelte die Baronesse, und sie wäre in die Knie gesunken, wenn Fräulein Schreckhorn sie nicht gehalten und auf ein Sopha gelegt , wo sie lange mit offenen Augen wie eine Gestorbene oder Sterbende blieb, und die Tochter ansah. — „So geschieht mir mein. Recht,“ sprach sie endlich schwach und halblaut zu sich. „Aber ich danke Dir, o mein Gott, daß Du mir meine Tochter auf Erden noch wieder zuschickst! nicht mir sie erst im Himmel vorstellst — am Tage des Weltgerichts!


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    — Küsse mich zum erstenmal als deine Mutter, eine Fremde, eine Alte — einst nur einmal eine junge Thörin, die ach, zeitlebens gebüßt, und jetzt vergeht!“
    Fräulein Schreckkorn, als Frau Warnkönigin, wollte sich wohl verstellen, erst sagen, daß ihre Mutter ja unter jenen Kreuzen ruhe! — daß es eine ehrliche Bauerfrau gewesen! — daß sie erstaune! — Aber als ihre gestorbene Freundin sich hier bei der Mutter denkend, weinte sie laut auf, und sank dem Weibe an die schuldige, reuige Brust. Und als sie beide lange an einander geweint, setzten sie sich auf, und die Baronesse, nicht meinend kaum morgen noch unter den Lebendigen zu sein, entdeckte ihr heute, warum sie ihre Emmeline, sie, ihre einzige Tochter, verstoßen.
    Ihr Mann hatte sie, als Gesandter, aus einem fremden Lande als seine Gemahlin mitgebracht, und selbst dem Bruder des vorigen Herrn — presentirt, der das Land in dessen Abwesenheit im Kriege administrirt. Sie hatte das Unglück gehabt, ihn zu reizen; presentiren ist also gefährlicher, und erinnert von selbst an present. Ihr Mann war wieder verschickt worden — weit, zum Schein nicht auf lange, dann aber länger durch gemachte Verwickelungen, zuletzt durch Krankheit ein Jahr wohl festgehalten, Sie hatte nicht Muth gehabt, zu ihrem Verfolger zu sagen: „Gnädigster Herr, Gott ist meines Lebens Herr, nicht Sie! viel mehr gilt mir sein ewiges Gesetz und seine ewige Liebe,


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    als Ihre unsittliche, unglücklich machende Leidenschaft. Denn nur die Worte: „Gott und Tugend, Unschuld und Seelenadel“ vor einem Herrn auszusprechen, sich auf sie als den verscheuchendsten Schutz zu berufen, sei damals noch nicht Mode gewesen; und tiefste Deferenz vor den Häuptern der Menschen sei ihr so eingeprägt und anerzogen gewesen, daß sie bloß: „Mann, Hofgespräch, Entdeckung,“ und dergleichen gemeine weltliche elende Dinge zum Schutz genommen — die nicht hingereicht! und die weggeschwatzt worden — indeß Gott, Tugend, Unschuld und Seelenadel ihre Richter geworden! Aber fürchterliche! Sie habe das heimlich geborne Kind — eine Tochter — furchtbar gehaßt, so gehaßt, wie Schuld, Laster, Satan — alles in einer Person in ihr — dem kleinen, unschuldigen, himmlischen Mädchen! So verblendet, habe sie es kaum angesehen — auf immer verstoßen, in armer guter Leute Hände gegeben fern von ihr, die Leute reich gemacht, die es erziehen und gut versorgen sollten. Die abscheuliche Tochter wieder holen, nur wiedersehen, sei unmöglich gewesen. Bis sie ihrem Manne einst entgegengereiset — und die drei steinernen Kreuze gesehen! Der Brief von einem gewissen, es wohlmeinenden Schreckhorn — der heute auch hier sei, und dessen Sohn sie ja kenne, da er ihr Hilba eingeführt — der Brief aber sei in ihres Mannes Hände gerathen — der kurz darauf als Sammler eines kleinen naturhistorischen Cabinets


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    — eine lebendige Klapperschlange gekauft — von der er sich habe stechen lassen! So sterbend — hier in dem Zimmer — habe er ihr gesagt: „die Schlange bist Du! Du hast mich gelobtet! Mein Leben und Lieben war ein leerer Betrug! aber nicht leer — hier hast Du den Brief!“ —
    Auf diese Erklärung bedurfte es langer Erholung. Darauf aber sagte sie heiter: „Es ist, als wenn die Menschen erst dann viel besser würden, wenn sie eine Sünde begangen, wenigstens die Weiber, und zwar noch die Bessern! Denn Viele verfallen dann ganz darein. Mein Unglück ward erkannt — eine seltne Genugthuung! Der vorige Herr starb ohne Erben. Sein Bruder — Dein Vater starb, und sein Sohn ist nun der Herr hier! Du bist die Schwester desselben — an die er mich manchmal erinnert; denn der Hergang ist der Familie heimlich bewußt — und hier meine Stütze; mein Einfluß beruht auf ihm; mein Sohn erhält sich durch ihn —. ich thue Gutes, so viel ich nur kann — durch ihn! Ja, wenn Du weißt, was die Frau von Krüdener gewirkt, so sage ich Dir — Ich habe die Frau von Krüdener bekehrt! aber ausrichtig gesagt: mir gelang es erst dann, als sie anfing, etwas fahl und widerlich auszusehen, sogar für die Damen. Das schlägt der Herr mir hoch an — und seine Hilda und Deine Hilda sind Geschwisterkinder. Er weiß Alles —


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    und ich darf ihm nur sagen: Du bist die Emmeline — so ist er dein Schuldner, und was deine Hilda gebeten, ist leicht erfüllt! Ich bitte Ihn! Er und die Tochter kommen jetzt eben zu einer kleinen Abendtafel zu mir. Du bleibst! —
    Dem Fräulein Schreckhorn ward in der todten Hülle ihrer Freundin Warnkönig, die es vorstellte, gespensterhaft zu Muthe — und unheimlich, wenn es an die Lösung dachte! Das Studentenkleid blieb ihre Zuflucht; und doch fühlte sie öfter nach dem Briefe der todten Tochter der Baronesse. Diese zeigte der vermeintlichen Tochtet jetzt ihren Vater; und daß sie mit störrischer Kälte, ja mit leiser Nicht-Achtung, das Bild alsbald bei Seite legte, schien der frommen Frau zu gefallen. Sie zeigte ihr den betrogenen Mann, und sich die Schlange um das Bild“ — und daß sie die Augen davor schloß, daß sie der also bestraften Mutter die Hand mitleidig drückte und wegging, schien wieder der frommen Frau zu gefallen. Endlich zeigte sie ihr auch das Kinderzeug der kleinen Tochter, das sie sonst heimlich, jetzt unverschlossen aufbewahrt — ein Häubchen von grauer Leinwand, ein Hemdchen von grober Sackleinwand, ein hartes Bettchen mit Hühnerfedern gestopft — weil sie das Kind gehaßt. Und daß die Tochter darüber nun weinte, erweichte die Mutter zu Thränen; sie schluchzte, sie fiel vor ihrem Kinde nieder, sie bat ihr auf ihren Knien die Schuld an der Natur und an ihr ab, und wollte sich nicht von ihr aufheben lassen.


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    Da rasselte der Wagen. Die Baronesse ordnete sich, und ging dem Herrn und der Prinzessin Hilda entgegen. Es dauerte lange, sehr lange, ehe sie wiederkam, und ihre Warnkönigin ins Tafelzimmer führte. Hier mußte sie sich nach den ersten Verwunderungen von ihrem Bruder umarmen und küssen lassen, um in der Rolle zu bleiben. Allein sie empfand bei den Küssen nur, was sie ihrer Freundin erspart! Aber es ging nicht ohne Satyre ab, ohne den Hohn, der die Sünde immer trifft. Denn den redlichen Unmuth, den der Sohn über des Vaters jugendlichen Fehltritt empfand, verkehrte er lächelnd in die Worte: „Ein gewisser Herr hat die Gelehrten uns schon zur Seite gestellt, als unsere Vorarbeiter und Gehülfen; aber nun wir sehen, daß wir auch mit den Buchhändlern verwandt sind in reiner Folge, nun müssen wir unsern Verwandten schon ernstlich vor unfern Nachdruckern schützen!“ Aber nachdenkend fuhr er fort: zum Glück und zu unserer Freude ist der Preußische Legationsrath v. V. noch hier — man soll den Vertrag gegen den Nachdruck mit ihm abschließen! Der edle brave Mann soll Glück und edle Freude, haben! Ich bin ein ehrlicher Mann, und ich sage: Er verdient das volle Zutrauen seines Herrn! Er wird ihm Freude machen! Gerechtigkeit macht Freude im Vaterlande.
    Jetzt war es Zeit, an Hilda zu denken. Aber nur der nun auch gekommene Herr von Obenaus konnte Auskunft geben, „Sie sitzt im Gefängniß!“ sagte er zufrieden;


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    Serenissimus befahlen . . , dem trotzigen Dinge . . . den Kopf zu recht . . .“
    „Abscheulich!“ erscholl.
    Und in wenigen Minuten waren Alle durch den Park im Stockhause. Der Stockmeister wird aus dem Schlaf geweckt, eine Laterne angezündet, das Gewölbe aufgeschlossen — von Obenaus geht zuerst hinein. Der Meister leuchtet. Man hört einen gedämpften Ausruf. Endlich kommt von Obenaus blaß und zagend und spricht: „Und wenn ich sterben soll — sie ist todt! Sie steht an der Wand! mit gefalteten Händen, halb auf die Kniee gesunken zu beten, aber das kurze seidene Tuch läßt es nicht zu . . . denn, wenn ich sterben soll — sie hat sich gehangen.“
    Als sie hineindrangen — setzte sich eine Gestalt vom Strohe auf, sah sie verwildert an und sprach unnachsagliche Dinge — in der Hitze der Krankheit. Die Kranke war Hilda mit dem Knaben im Arm. Die Todte war Gemma. Man beleuchtete sie. Der Knabe erwachte, fand sich, sah die Mutter, und lief an ihre Kleider, und freute sich, baß er sie hatte. Er wollte nicht fort. Hilda hatte Erschreckliches ausgestanden neben der, ihr über das ausgebliebene Geld Vorwürfe machenden, verzweifelten schönen jungen Frau oder Witwe. Jetzt ward Hilda Hülfe. Fräulein Schreckhorn — Frau Warnkönigin — war verschwunben.


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    Der Jammer hatte sie fortgetrieben, die Angst und die Furcht, doch zugleich das Bewußtsein: daß sie die Tochter der Freundin nun — und also sogar am rührendsten — in die hülfreichsten Hände gebracht. Aber Hilda antwortete auf die Nachfrage der Baronesse nach derselben: „meine Mutter ist todt!“ So ward sie ins Schlafzimmer der Baronesse getragen.


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