Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Audienz


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    Die zehnte Muse, Fräulein Schreckhorn, stand als Apoll vom Sofa auf  als Hilda bekümmert herein trat. Sie hatte ihre Studentenkleider an, ja ein künstliches feines Stutzbärtchen und einen dito Backenbart. ,Muhe ein wenig, dann kleide dich besser!“ sprach sie; „wir gehen sogleich zur Baronesse, und dort wirst Du glücklich sein und hoffentlich werden. Aber präge Dir ein, träume es fest, liebe Warnprinzessin, baß Du eine Mutter hast, und daß Ich deine Mutter heute vorstellen werde. Vergiß das nicht! Ich habe alle Gelegenheiten ausgeforscht. Ich bin aufs Reine.“ —
    Und nach kurzer Zeit gingen sie nach dem prächtigen Hause der Baronesse, dem Schloß gegenüber in mäßiger Ferne. Aber ihre Freundin Schreckhorn verschwieg der Hilda, daß die Baronesse hier, fast gewiß jene Dame gewesen, die an den drei Kreuzen geweint, And an welche der Mädchenmüller geschrieben; daß sie also die heimliche Mutter der Mutter der Hilda sei, ohne zu wissen, wie das Alles zusammenhänge.


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    Schreckhorn ließ sich melden als Student und Reisegefährte einer jungen Dame, die eine Bitte an 8eleM88imu,n ne l^Ieinsntizzimuiu habe.
    „Angenommen. — Ins Zimmer der Erinnerung.“
    — Liebliches Halbdunkel darin. Labende Frische. Duft der Blumen. Sie waren allein in demselben. Nach und nach sahen sie deutlicher, auf prachtvollen Tischen kostbare Spielsachen od« Spielereien für vornehme große Kinder. Aber dort — um das auf einem besonderen Tische aufgestellte Bild eines Mannes gewunden .... eine Klapperschlange — eine wirkliche! davor ein Crucifix und ein Gebetbuch, aufgeschlagen bei der Betrachtung: „Vergebung der Sünden“ — was heißt das, und kann es sein? — Sie sprachen leise. Sie warteten. Endlich erschien im neuesten Putz eine sehr schön gewesene, jung gewesene Dame, und bewegte sich noch sehr rasch an ihrer Verneigung vorüber, setzte sich auf das Sofa, winkte ihnen, sich vor ihr zu setzen, und sprach erst, als es endlich geschehen: „Nur keinen Namen, keinen Stand! auch ihren Zweck durften, Sie mir nicht erst sagen lassen. Jeder weiß oder glaubt, zu wissen, was ihn glücklich macht, und so helf' ich nur fördern, was er verlangt; zu weiter bin ich nichts, mehr.“
    Daher trug ihr bescheiden Hilda nur vor, daß sie „den Herrn“ etwas zu bitten wünsche.


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    Die Baronesse öffnete jetzt, nachdem sie die Stimme gehört, eine Jalousie; das Licht fiel auf Hilda, und während sie mit dem blassen Mädchen sprach, nahm sie ein kleines Bild vom Tische neben sich, und blickte manchmal darauf hernieder. Dann lächelte sie. — „Ich will ihm die Freude machen, Sie zu sehen,“ sprach sie zuletzt. „Wer ist das wohl?“ frug sie Schreckhorn, ihm das Bild hinhaltend. Er stand auf. „Hilda!“ sprach er. „Prinzessin Hilda“ — verbesserte sie.
    Er entschuldigte sich damit, daß er nur hier seine Freundin gemeint.
    Sie stand auf; auch Hilda. „Also gehen sie!“ fuhr sie fort. „Der Herr ist im Marstall, und gewiß bei guter Laune, weil der Stallmeister berichtet: alle Pferde befinden sich wohl, was bei den Engländern ein seltner Fall ist. Heute aber ist obendrein ein kleines allerliebstes Sardinisches Pferdchen für die Prinzessin angekommen; auch sie wird, oder muß schon, dort sein — und sein Kind vor Augen, vergnügt vor Augen, ist er der beste Herr, weil er der glücklichste Vater ist. Der Herr bei ihm, ist der Ministerrath — mein Sohn.“
    Eh' sie sich noch verneigte, sie zu beurlauben, frug Schreckhorn: ob es nicht besser gewesen, daß die Mutter der Hilda — da Frau Baronesse einmal den Namen wisse — mitgegangen? Sie sei zwar nicht recht wohl.
    „Gehen Sie auch nicht mit! Herr . . .;


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    wenigstens an unserem Hofe ist es seit langem unbedenklich, daß das holde Kind allein geht.“
    Und eben im Scheiden, hielt sie Schreckhorn, fast wie im Scherz, bloß die Unterschrift eines übrigens innebehaltenen Briefes vor, und frug nur wie zufällig: „Kennen Sie die Hand vielleicht?“ „Meines Vaters! den ich heute hier erwarte;“ entgenete Schreckhorn mit dem wunderlichsten Lächeln, als erstaune Er. Doch sie verneigte sich und sie gingen.
    Aber er erstaunte sogleich voll wunderlichen Entzückens, als sie über die Straße gingen, und der Vater, der Mädchenmüller, seine neun Töchter fahrend, so eben ankam. Er drückte Hilda die Hand, sprang auf den Sitz vorn, und setzte sich zu ihm. — So ging sie allein.
    Ohne Weiteres fand sie den ihr gerathenen Audienzstall mit dem Springbrunnen davor. Um diesen stand ein Herr mit bedecktem Kopfe — drei Andere mit unbedecktem und Platten, denen es Noch gethan, nach der neuen Endeckung — Haare auf den Scheitel zu pflanzen; denn die Sonne brannte sehr, und die Herren, unter denen sie den alten Mauskopf erkannte, schienen zu schwitzen, und sie bildeten wahrscheinlich die Deputation ihrer Gilde. Sie frug einen Bereiter, ob Iener „der Herr“ sei. „Nein!“ sagte er, das ist der Herr von Obenaus, der Ministerrath, der Herr ist drinn.“


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    Da sie nun eher kam, als Prinzessin Hilda, so sah ihr der wirkliche Herr, den sie suchte, entgegen, und tadelte sie, als sie näher gekommen, daß sie nicht in Reitkleidern — und so verkleidet, und so allein erscheine, wie ein gemeines Fräulein. Und als sie sich wiederholt verneigte, schalt er ihr unanständiges Schelmenspiel mit dem Vater — vor Leuten. Endlich aber erkannte er seinen Irrthum und bat sie freundlich lächelnd um ihr Anbringen. Herr von Obenaus konnte den Herrn nicht etwas ohne sich entscheiden oder zusagen lassen, da er eine Fremde bei ihm sah, und so trat er schweigend herzu. Auch die Prinzessin kam mit ihrer Oberhofmeisterin; das Sardinische Pferdchen ward gesattelt hinaus geführt, und so war die Aufmerksamkeit des Herrn getheilt.
    Hilda hatte aber alles Sicherheitsgefühl wieder — durch die bloße Gegenwart von Frauen. Int Geist sah sie eine ganze Ostindische hochbebeutende Compagnie — 400 Buchhändler im Audienzstall stehen, und an der Spitze derselben ihren Vater, aber mit gefalteten Händen! Die Altenburgische Tante Nickte ihr zu, hier vor der rechten Schmiede zu reden, und gestikulirte sogar drohend mit der geballter Hand; Freigangs kleiner Sohn biß vor ihr in seine Citrone, daß sie fast lachte und weinte; und auch die schöne Jungfrau, die Hoffnung, langsam an ihr vorüber zum Grabe wallend, lächelte sie an, daß ihr der Athem stockte. Sie nahm indeß aus dem blauen Umschlag den von Herrn von Kettenträger, dem Censor,


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    aus besonderer Gunst wieder erhaltenen Titelbogen von ihres Vaters „Leiden“ und den, von dem Nachdruck von Mauskopf, desgleichen den von dem „Deutschland.“ Der Herr nahm sie ihr ab, hielt die vier Blätter wie ein halbverlorenes Kartenspiel in seiner Linken, verglich sie, sah Hilda an, und frug: „Sie sind gewiß Herrn Warnkönigs Tochter?“
    „Aufzuwarten!“ sprach sie, die sich rathen lassen, daß man so statt „Ja“ sagen müsse.
    „Warnkönig steht auf der Liste ihre Macht verwendenden Verleger;“ bemerkte Herr von Obenaus. „Die Verleger sind eine Macht — die Seelen erscheinen läßt, oder sie abweist. Nachdruck, == Umdruck! die „Leiden“ mußten umgedruckt werden: „Besen, Besen! seid's gewesen.“
    „Sie kommen, gute Warnkönigin, den Mauskopf zu verklagen?“ frug der Herr weiter.
    Aufzuwarten! „Ersparen Sie mir, mich zu schämen — sprach der menschliche Herr „ein Mensch ist kein Pudel; sagen Sie lieber: Ja!“
    „Ja! ja!“ — sprach sie nun laut. „Die Gerichte weisen uns ab, darum bitte ich von ihrem Herrn um Entschädigung für meinen Vater, und um das Verbot an Mauskopf und alle Andere, wenn sie auch nicht seinen sprechenden Namen führen: das liegen zu lassen, was nicht das ihre ist! Mein Vater


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    *****************hier fehlt was****************


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    „Heben Sie sie auf, als goldener Souverain! wie bei uns die Erbunterthänigkeit, die hergeerbte Erniedrigung von — Gottes Ebenbild!“ sprach Hilda immer mehr Feuer entwickelnd aus Angst und Noth, wie aus schwüler, bedrückender Luft sich erst die Blitze entzünden. „Lassen Sie die Privilegia ablösen.—. wie bei uns die Hofedienste, ehe die Menschen merken, daß sie Menschen sind, nicht Sclaven, zu denen sie alte barbarische, erobernde Christen gemacht — alla Turca! Alle unsre Verleger bezahlen sehr gern die Ablösung als ihre Erlösung! — das Gerechte thut und leidet jeder gern, besonders wenn es Befehl, also — Ausfluß des Lichtes, Verkündigung der Liebe, Segen der Freiheit ist, wie Freigang sagt. Hier steht es! Bloß uncultivilte Länder haben den Nachdruck.“
    „Fräulein Warnkönig!“ sprach Herr von Obenaus, „ich warne Sie!“
    „Das ist keine Schande, uncultivirte Länder zu haben; sonst müßten die amerikanischen Freistaaten oder ihr Präsident feuerroth aussehen;“ sprach Hilda nun, fortgerissen von sich; „aber sie nicht zu sich herauf cultiviren — oder wenn sie cultivirt sind, nicht zu ihnen hinabsteigen — das . . .“
    „Das verdient eine Correction — für Sie“ sprach Herr von Obenaus.
    Hilda aber fuhr fort, von den heftigsten Kopfschmerzen fast betäubt: „Selbst Herr Mauskopf sagt:


    [404_108]     nach oben

    Ehrlichkeit soll nicht nur bis an die Grenze gehen, jedes Land soll nicht eine eigene Ehrlichkeit haben. Denn Steckbriefe gehen über die Grenzen und arretiren mit fremden Händen! Was irgendwo sonnenklares Unrecht ist, kann — ach Gott, nein — ja, es kann, es konnte, es kann — doch es sollte nirgend sonnenklares Recht sein, Privilegium! Darum sagt Herr Freigang, Nachdruck ist nur in uncultivitten Ländern.“
    „Was mir jetzt Ihnen zu Gute zu thun bleibt, ist —: Ich gebe Ihrem Vater ein Privilegium auch“ — sprach der Herr.
    Hilda erschrak und trat zurück.
    Ich meine! „Eines dagegen!“
    — „Aus Gnaden! und für die Taxe! Es ist keine Staatseinnahme zum Glück, doch ein Zuschuß „ins Gemein" für Ausgaben „ins Gemein“ erklärte von Obenaus.
    Die innere Empörung gegen ein vermeintes Nachdruckerprivilegium aber, das ihr Vater erhalten sollte, übte ihren Einfluß auf Hilda's Worte noch fort: „Gnade, Herr von Obenaus, ist das Wort, was kein Mensch mehr von Menschen mag — gnädigster Herr! Gerechtigkeit ist viel weniger, aber die will man nicht gern geben, weil man aus reiner Liebe es soll. Es ist besser, daß Zehen warten, ja hundert und Tausend untergehen — als etwa mein Vater und Ich“ __ (setzte sie mit über sich selbst und ihre Lage erhobenem Gefühle hinzu)


    [405_109]     nach oben

    Als daß Alle — Menschen (und auch die Buchhändler sind Menschen) das Menschliche, und das ist wohl das Recht, auf immer entbehren! Bescheidnes, getrostes Entsagen, voll Vertrauen auf Gottes Fügung, brachte ,immer und überall tausendfältige Früchte. Darum danke ich tief.“
    Sie verneigte sich also gegen den Herrn sehr bescheiden, doch fest:, mein Vater ist nun ein Bettler — doch ich werd' ihn nicht sehen: betteln gehn!“ — Sie wollte in Thränen ersticken, es schnürte ihr die Kehle zu, doch sie überwand jede Schwäche, aber nicht die Krankheit, die sie nichts klar mehr bedenken ließ, so daß sie mit schlauem Lächeln sagte: „ich habe um Verzeihung zu.bitten — es ist umgekehrt, wie ich sagte: Mein Vater hat Herrn Mauskopf sein Deutschland nachgedruckt! Dieser, hat ihn bei unsern Behörden verklagt — und ich komme hierher um gnädige Fürsprache zu bitten, daß Herr Mauskopf,die Klage zurück nimmt!, denn unsere Gerichte sind streng — und sie stoßen ihn aus, aus Rudolphs Garten!“
    Herr von Obenaus wüthete innerlich über die anscheinende Frechheit. Aber der gütige Herr nahm einen Beutel mit Gold, die 200 Louisd'or für das Pferdchen, und ,drückte ihn Hilda seitwärts in die Hände nur mit dem Wort: „so nehmen Sie wenigstens das, damit Ihr Vater die Strafe bezahlen kann. Denn Sie lügen wohl nicht.“ Dann wandte er sich in die.Thür des Marstalles, und sah,


    [406_110]     nach oben

    wie seine Hilda mit dem Pferdchen dahin ritt, ober vielmehr das störrische Pferdchen mit ihr.
    Hilda aber hob die Gabe in beiden Händen empor, und sprach, zum Himmel blickend, nur leise die Worte: „o Vaterland! O alle ihre Geister, die ihr herabgestiegen, und Euch durch Gänsefedern offenbart . . . .“ Sie wußte nichts weiter. Die Gedanken waren ihr vergangen. Die Arme sanken ihr schwer. Der Beutel entfiel ihr, und hinter die Füße des Herrn, der jetzt, die Noth seines Kindes mit der kleinen wilden Bestie im Auge, sprach: „dem trotzigen Dinge soll ein wenig der Kopf zurecht gesetzt werden!“
    Herr von Obenaus verneigte sich, hob den Beutel auf, und die Worte in seinem Sinn, nicht ohne Schein des Rechtes, auf Hilda beziehend, sprach er! „zu Befehl!“ Und gegen Diese gewandt nun sagte er ernst und bedauernd: „Sie haben gehört. Sie haben sich höchlich vergangen! Arrest wird Ihnen gut thun, und ich will bitten, daß Sie bald entlassen werden! Indeß ist Niemand hier, der sie fort führe, und während ich das besorge, bleiben Sie hier! Nicht wahr, Sie verlassen diesen Ort nicht eher? Sie scheinen sonst ein ehrliches, Mädchen!" So ging er dem Herrn nach.
    Hilda, blieb lange geduldig stehen. Es war Mittag geworden; die Pferde wurden gefüttert, und während dazu getrommelt wurde, sang sie leise die Verse des redlichen Flemming:


    [407_111]     nach oben

    „Ich zieh in ferne Lande,
    Zu nützen einem Stande,
    An den mich Gott gestellt.
    Sein Segen wird mir lassen,
    Was gut und recht ist, fassen
    Zu dienen seiner Welt.

    Bin ich in wilder Wüsten,
    So bin ich doch bei Christen ,
    Und Christus ist bei mir.
    Der Helfer in Gefahren,
    Der kann uns doch bewahren,
    Wie dorten, so auch hier!

    Gefällt es seiner Güte,
    Und sagt mir mein Gemüthe
    Nicht was Vergeblichs zu,
    So werd' ich Gott noch preisen
    In manchen schönen Weisen
    Daheim in meiner Ruh!

    Indeß wird er den Meinen
    Mit Segen auch erscheinen,
    Ihr Schutz, wie meiner sein.
    Wird beiderseits gewähren,
    Was unser Wunsch und Zähren
    Ihn bitten überein.

    So sei denn, Seele, seine
    Und traue dem alleine,
    Der dich geschaffen hat,
    Es gehe, wie es gehe,
    Dein Vater in der Höhe
    Weiß allen Sachen Rath!“



    [408_112]     nach oben

    Darüber schlief sie, in der sogenannten Strohbucht sich setzend, ein. Nach einer halben Stunde erst kamen zwei Gerichtsdiener, die an ihr vorüber gingen und die Schuldige suchten. Sie erwachte und meldete sich. So gingen sie nach dem Gefängniß. Aber am Gasthause in der Thür stand der kleine Cornelius, und es war nicht möglich ihn abzuhalten von Hilda, ohne einen Auflauf zu erregen. So durft' er denn mit.

    bild!