Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Der Edle von Mannskopf


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    Im klaren Mondlicht flüchtete gleichsam sich Hilda nach Hause — dem Gasthause — an Schreckhorns Brust. Sie trat in ihr Zimmer; aber als sei sie in ein falsches gekommen, bat sie die darin an einem Tische bei Licht schreibende vornehme schöne Dame um Verzeihung, und wollte wieder gehen. Aber eine bekannte Stimme rief: „nur herein, liebe Hilda! Du bist schon recht! Es hat sich nur Einiges hier unterdeß verwandelt. Sieh mich nur an!“


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    Die Dame stand auf — und Hilda erkannte Schreckhorn in ihr. Er faßte sie unter den Arm, und erzählte ihr unter Thränen und Lachen: „sieh, mein Kind, ich ging nach der Post, nach Briefen von Deinem Vater oder der Altenburgischen Tante — ich fand Einen von ihr, poste restanta, und da liegt er auf dem Tische! aber wen fand ich auch? wen, in einer Extcapostkutsche! — meine schöne, reiche Geliebte, die mir nachgeeilt, weil sie gewiß erfahren: ich sei mit Dir fortgereiset, durchgegangen. Sie war eben angekommen; ich drücke mich, und ehe sie unfern Aufenthalt erfahren kann, eil' ich nach Hause, mich ihr zu verbergen — in meiner wahren Gestalt: in Frauenkleidern; jener stationären beständigen Maske des weiblichen — Menschen! Wahrhaftig — lache mich nicht aus — unter Thränen warf ich den Mann, den Studenten ab, und fuhr in das Weib. Aber gäbe doch Gott, daß jedes Weib so wie ich, die Männer kennen gelernt; so wie ich — wenn nicht zwanzig Jahre, doch zehn studirt! daß ihr Herz so fest und ihr Kopf so aufgeräumt sei, wie meiner! Meine mich liebende Schöne habe ich leider getäuscht, aber unschuldig; doch ich kannte einen andern vornehmen, galanten Herrn, der Hab und Gut, Leib und Seele daranzusetzen entschlossen war — sie unglücklich zu machen! Denn er wollte nur Abenteuer, nicht sein Glück; und an das Glück der Andern dachte er niemals. Sieh also, liebe Hilda, ich habe sie


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    glücklich hinweggebracht über Schande und Reue, und so will ich denn gern ihre kleine Beschämung bereuen, und ihrem Lachen einige Thränen schenken. Denn Fräulein Schreckhorn war kaum fertig in die mitgenommenen Kleider verwandelt, hatte kaum die Locken umgebunden, das Spitzenhäubchen aufgesetzt und das Perlenhalsband um — als meine „Liebende,“ einigermaßen in Gestalt einer sehr liebenswürdigen kleinen Furie hereintrat. Ich frug, wen ich die Ehre hätte? — Sie kannte mich und erkannte mich nicht. „Sie sind gewiß Eine der neun Schwestern meines . . .“
    „Um Vergebung, was denn. . ihres?“
    Meines.... meines . . .“
    Ich lächelte, und schlug dadurch schon viel in ihr nieder; dann sprach ich ihre Hand fassend: ich errathe! Nun ja, ich bin eine Schwester meiner neun Schwestern!“
    . . „Sie sehen sich täuschend ähnlich!“ —
    „Freilich! denn ich bin Schreckhorn, die zehnte Muse!“ Sie war jetzt heftig. Sie überschüttete mich mit Vorwürfen, deren jeder mit einer Umarmung schloß, und mit einem Kusse mir abgebeten ward. Aber wozu die Verkleidung! frug sie zu zuletzt.
    Und nun erklärte ich ihr Alles, daß ich früher verkleidet gewesen, jetzt aber nur gekleidet.
    Sie hörte, sie faßte, sie glaubte endlich. Aber nun brachen die Thränen aus. Wärst Du lieber gestorben, o Schreckhorn, sprach sie, wärst Du lieber mir schnell und auf immer entflohen — ich hätte ja dann dich noch lieben können, verwünschen,


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    beweinen — und glücklich sein! Aber jetzt die entsetzliche Lücke im Herzen und Haupte! Wer wird, wer kann sie füllen? Ich habe nun nie, geliebt! Nie bin ich geliebt worden! Und das Gelächter in meiner Brust, so tröstlich und labend es ist, weil Du nicht untreu warst, so widerwillig lacht es die Liebe mir weg, fort, hin — ich weiß nicht wohin sie ist, weg wie Pracht und Glanz des Blüthenbaumes — nach einem erquickenden Frühlingsregen! und wie der Baum stehe ich einförmig grün vor Dir, ohne Blüthen mehr, und nimmer mit Frucht.“
    „Das ist wahr, Hilda, o Hilda!“ sprach das nunmehrige Fräulein Schreckhorn, an die Neigung dieser ihrer guten Pflegetochter zu dem jungen ihr unbekannten Mauskopf denkend, und Hilda im Voraus bereitend und warnend. „Meiner Liebenden Liebe war weg wie ein Lüftchen, die doch so fest und stark und ewig geschienen, blos darum hinweg, weil ich war, was sie selber war — ein Weib! und was man ist und hat, das liebt ja Niemand; sondern Gott und Menschen, Männer und Frauen lieben nur, was ihnen fehlt, was sie ganz macht an Herz und Kopf, an Leib und Seele. O Hilda, wenn Du entdecktest: der, den Du liebst, ist Deiner Liebe und Deines Glückes Feind, er ist nicht einmal ein Mensch — denn der Schlechte und Ungerechte ist nur seine hohle Maske, darin ein beliebiges Thier steckt, oder der Teufel — dann gedenke meiner Liebenden!


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    lache wie sie! fahre nach Hause, wie sie! Sie harte ihr Reisegeld verloren — ich habe ihr unseren Beutel geben müssen, und gleich an meinen Vater geschrieben, daß er uns Gelb entgegenschicke, bis in das nächste Residenzchen, am liebsten aber, daß er selber dahin komme.“
    Hilda war tief betroffen und bang, ohne zu ahnen, wen ihre Freundin, das neue Fraulein Schreckhom, meinen könne, da sie dem heimlich Geliebten in ihrer Seele alles Edle zutraute und gleichsam von seinem Worte lebte: „wir sehen uns wieder! gewiß, gewiß!“
    Dieses Erinnern versetzte sie im Geiste nach Hause, in des Vaters Laden. Und wunderlich, als ob sie wirklich dort wäre, sah sie hier, das Köpfchen wendend, sich besorgt darin um. Der junge Mensch war natürlich längst daraus fort, aber sie sah den alten Vater mit ganz bekümmertem Gesicht in seinem Gitter sitzen. Natürlich sprach er nicht; aber er sah sie traurig an, mit lang auf sie geheftetem Blicke, daß sie sich die Augen zuhielt, plötzlich aus ihrer Träumerei erwachte, und schnell nach dem Brief von der Tante griff. „Liebes Kind — so schrieb nun diese — „gesund sind wir, so zu sagen. Aber der Vater wird mir ein gar zu sparsamer Mann. Und dennnoch hat er uns eine große Bowle Punsch gemacht, weil es nun herausgekommen: die Deutschen seien vor Allen zum Schreiben bestimmt;


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    denn die Natur selbst habe ihnen im Königreich Hannover ein barbarisches Dintenpulverlager — natürlich zum Entdecken — versteckt gehabt, zum Betteln gleichsam einen Bettelsack, denn das Dintenpulver heiße — Bettelerde, bis zur etwanigen Firmelung derselben durch unverschämte, das heiße: reiche Schriftsteller. Im Hause ist es auch nicht mehr geheuer, namentlich im Buchladen. Denn der Herr Bruder behauptet steif und fest, daß die Geister oder die Seelen, die er zu verkaufen die Ehre habe, alle Nächte einen furchtbaren Krieg mit einander führten. Schriftsteller- und Kritiker-Geister rissen sich nicht nur die Haare aus, zerrten und puften sich nur etwa; sondern nach dem gräulichen Kampfe sei leicht zu ermessen, daß Götterblut — Zichor — wahrscheinlich Zichorien — da die Gelehrten absonderlich Caffee trinken — den Boden bedecken müsse. Ich fragte den Herrn Bruder, ob er am Morgen nicht Blutflecke im Laden, oder doch herumliegende Haare gefunden, wie doch die Kinder aus Sonderbarkeit in Schenken zusammläsen, worin sich die Handwerksburschen mit den Bauern gerauft und geschlagen? — aber er sah mich nur an und sprach: Seelen! die haben nicht wirklich Haut und Haar! Ich sollte erst gestern die Nacht mit hinunter gehen, um mich an der Buchladenthür im Hause zu überzeugen; aber ich habe einen Abscheu vor solchem Unwesen. Auf den Herrn Bruder hat es auch einen bedenklichen Einfluß geübt — er will den nicht mehr geheuern Buchhandel


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    niederlegen, und es hat sich schon ein Käufer zu seinem Buchladen gemeldet, ein hiesiges Haus, das Auftrag hat für ein fremdes, dem es hauptsächlich um seine alte ehrliche Firma zu thun sei.“
    „Mein Gott!“ seufzte Hilda, „der Vater ist schwachsinnig, vielleicht gar tiefsinnig geworden! Die gute Tante stylisirt das nur anders; so wie der ganze Brief mit ihren eigenthümlichen Buchstaben geschrieben ist, z. B. hier steht das Ausrufungszeichen am Anfange der neuen Zeile, weil es in der alten nicht mehr Platz gefunden.“
    Und nun entdeckte Hilda der neuen und alten Freundin ihren Entschluß, zu Mauskopf um Entschädigung zu reisen; aber im Fall einer ausweichenden, muthmaßlich selbst unmaßgeblich groben Antwort, bei seinem edlen Souverain d'or ihn in Anspruch zu nehmen. Ihre Schreckhorn billigte Alles; denn dieser schien nur daran gelegen, Hilda bis in jene Stadt mitzuführen. Die Casse war nun fast gänzlich geschmolzen, und Hilda verließ sich auf ein Packet schöner Bücher, die sie aus dem Verlage ihres Vaters mitgenommen, und dort verkaufen wollte. Und so reisten die beiden Frauen mit dem kleinen Cornelius denn im Geleite Gottes, nunmehr von einem Schweizerbuben gefahren, der sich durch die versprochenen goldenen — Sandberge eines jungen, in die Schweiz gereiseten polnischen Ehepaars hatte verleiten lassen, mit ihnen hinaus zu gehen, aber dort redlich entlaufen war.


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    Der Student und die Inscription waren eingepackt; dafür saß nun eine im Passe noch fortlebende, und von der Polizei in demselben — für zwei Groschen an die respectiven Hausknechte — fortvisirte Madame Warnkönig, eine ganz charmante Mutter der Hilda im Wagen, nämlich — Fräulein Schreckhorn, nicht mehr in der ersten Blüthe der Jugend, aber unabgeblüht, frisch-lieblich, hold-unschuldig und wahrhaft conservirt. „Das macht“ — sagte sie launig zu der sie immer mehr bewundernden Hilda — „daß ich so lange ein junger Mann geschienen; denn was bringt die jungen Dämchen allein in gar manche Schuld und Buße, als daß sie die weibischen Männer für — Frauenzimmer halten! Daß aber die himmlischen Geister en masque  die Frauen auf Erden vorstellen und spielen, das wollen die Herrn Mannszimmer, zu ihrem Benefiz, nicht anerkennen, liebe Warnprinzessin!“ 
    Hilda sollte bald inne werden, worauf sich alle vorigen und jetzigen Worte bezogen. Am Thore des Residenzchens, worin Herr Mauskopf et Comp. und der Souverain d'or wohnten, wurde ihr vorlaufig das Bücherpacket abgenommen und sie angewiesen, sich auf der Censur, am liebsten bei Herrn von Kettenträger zu melden.
    Nachher bereitete sie sich auf den Gang zu ihres Vaters Verderber, Herrn Joseph Mauskopf, während die alte Muse, die Schreckhorn als Madame Warnkönig,


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    eine gewisse Baronesse aufsuchen wollte, die vorzugsweise, so genannt, am Hofe allmächtig sein sollte! Hilda aber lernte keine Worte zur Anrede an den Mauskopf, sondern sie belebte nur ihr Gefühl durch das Andenken an den mannigfachen Schaden, den er gestiftet — dem Vater, dessen Schwester, dem Maler, der Witwe und den Kindern des Schriftstellers. Gefühl des Unrechts macht zum stärksten Redner; sein Leiden klagt ein Kind schon ausdrucksvoll, und ihre Rede war fertig, als sie über dem Buchladen auf blauer Tafel die goldene Firma las: 

    I. Mauskopf  et  Sohn, privilegirter. . .


    Aber dieses ihr Gefühl des Unrechts an Andern, ward durch ein höheres aufgehoben, wie Glanz des nächtlichen Hirtenfeuers vom Blitz aus Donnerwolken. Denn Der, den ihre Seele eher im Himmel zu treffen glaubte, den traf sie im Nachdruckerladen! Er war der Spion, Sohn und Erbe des Joseph, und hieß und war Maria Mauskopf, wie sein Vater — denn am Fenster hingen die Aushängebogen von „Deutschland in Bildern“ das Er — ach, Er, gekauft!
     
    „Hilda! — Sie hierl — Maria und Joseph!“ rief der junge Mann, und stand übergossen von blutiger Schaamröthe.
    Aber für Hilda war die Welt wie verschüttet, begraben wie ein Grab, verhallt und doch noch forthallend als herzzerschneidender Mißlaut.


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    Nacht war, finster, ewige Nacht. Sie stand in trostloser, wesenloser Einsamkeit, verlassen, allein, nichts mehr übrig als Sie, und von ihr selbst nur noch ein dammernder Schmerz. So stand sie wie aus Luft — auf Luft.
    „Theure Hilda, Sie kommen zu zeitig!“ sagte er wieder.
    „Zu spät!“ lispelte sie.
    „Einzige Hilda,“ fuhr er muthfassend fort, „was hab' ich gewirkt, seit ich Sie sah! wie vieles bereitet in Ihrer Vaterstadt — und daß ich mich dazu bekenne — bei Ihrem redlichen — armen Vater! wie viel hab' ich durchgesetzt, und ach, gegen Wen? — gegen den eigenen Vater! O Hilda, weisen nun Sie ein redliches Herz, eine ehrliche Hand . . .“
    Er hielt inne; denn Hilda erhob abwehrend die ihre. Sie sah ihn einige Zeit mit ernster Bekümmerniß, mit herzinnigstem Bedauern an. Und wie in ihr ihre Liebe und all' ihre Hoffnung auf immer vorbei war, wie überall nur dann wahre Aufrichtigkeit eintritt, wo irgend ein Geschäft, eine Angelegenheit, ein Gefühl vorüber, vorbei und abgethan ist, und diese Aufrichtigkeit dann eine Wiedereinsetzung der Menschen in den vorigen Zustand völlig unmöglich macht, so sprach nun auch Hilda aufrichtig die wenigen Worte stammelnd: „Ich habe Sie . . . . ja über Alles! Aber ich habe . . . ich liebe nicht mehr! und Niemand im Leben mehr — als meinen Vater.


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    — Wo ist Ihr Herr Vater? mein Herr! Zu ihm kam ich allein.“
    Und voll Gehorsam der Liebe hielt er schon die zitternde Hand an der Klingelschnur, um ihn zu rufen. Aber im Herzen bereit, Alles an ihr und ihrem Vater durch alle seine Mittel, ja durch sich selbst und ein reines liebendes Leben gut zu machen, was der Seine verschuldet, konnt' er sich nicht von dem Gedanken scheiden, sie werde, sie müsse ihm noch verzeihen. „O Hilda,“ sprach er kleinlaut, „wenn ich Sie nicht gewonnen: so ist alles verloren! Das Glück des Lebens ist mir dahin, und das bloße Leben nur übrig! Aber nicht das leere Leben nur — auch ein schmerzliches und betrübtes. Denn vor der Geliebten will der Liebende rein dastehen, ihrentwegen vor allen wollte Ich tadellos und bieder leben fortan. So klärte mich die Hoffnung, die ich in Ihren Augen gelesen! O Hilda! Und nun, nun soll ich büßen, daß mich die Gewohnheit des Lebens, Gehorsam gegen den Vater — Ihnen verachtlich gemacht! Aber ich will so bleiben und leben, wie Sie mich nun geschaffen! Denn Tausende haben einen bösen Weg zum Guten zu bereuen: aber es ist besser, einen edlen Schmerz in der Brust zu tragen, indem wir nun besser sind, als glücklich zu sein, und es nicht zu verdienen. Vielleicht rührt Sie das noch, und sehen Sie hier, wie aufrichtig ich es mit Ihnen meine!“
    Und somit gab er ihr ein Blatt Papier, und sie ihm dafür ein Anderes; und während er die Entschädigung durchlief, welche sie von dem Vater forderte , las sie die an sämmtliche Nachdrucker gerichtete:

    „Curende:“



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