Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Raserei der Eitelkeit


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    Wie ein armes Kind sich freut, wenn ihm Jemand eine Angel gemacht, womit es nun große Fische fangen und dem Vater nach Hause bringen wird, und wenn sie werden auf dem Tische stehen, dann heimlich bei dem Tischgebet danken will: heute hast Du das Haus gesättigt mit Wohlgefallen — so freute sich Hilda, daß sie nun Mittel hatte, den Vater aus seiner Noth zu ziehen durch ihre Reise. Durch die Gegenwart der Muhme war für die Küche gesorgt und was sonst ihr Herr Bruder braucht« von, weiblicher Hand. Die Kukuksthaler reichten zu den Iahresinteressen für Freigangs 1000 Ducaten Capital, und statt desselben in Golde und in der Wahrheit, packte sie des Vaters Schuldschein darüber mit schwerem Herzen, und einem Blick an die Decke — die ihre feuchten Augen nicht sahen — zu ihren Sachen. Die andere Hälfte des Muhmengeldes langte für den Maler Lelisa in seiner Noth. Und wunderbarer Weise war es der Vater zufrieden, daß sie das Geld mitnahm. Sie erinnerte ihn nicht, sie widerlegte ihn nicht;


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    denn in ihr selbst lebte auch seine Hoffnung, und das Vertrauen auf die eigene, stets bewährte Ehrlichkeit, die gar keinen Zweifel aufkommen ließ: es werbe der Schwester kein Pfennig verloren gehen! So ist das Glück des Redlichen; sein eingewohntes Gefühl hält noch lange nach im Unglück, wie der Rosenschimmer der fernen Sonne am Himmel, wenn es längst schon dämmert auf Erden. Hätte er ja ein Bedenken gehabt, so war es das, es sei wohl nicht brüderlich — nicht gedacht, sondern sogar gethan — daß es ihr scheinen könne, als nehme er sie bloß — wie er meinte: in ihrer Noth — in sein Haus; als wenn er es nicht noch freudiger gethan haben würde, wenn sie noch jünger und blutarm zu ihm gekommen.
    Der Frühling war an- und ausgebrochen mit seinem grünen ewigen Feuer, die Sonne schien mild und warm vom blauen Himmel, und die Erde war so gut und reich wie je, ja sie wäre ein Paradies gewesen, wenn das Menschengeschlecht nicht seine alten, nimmer verjährenden Leiden nun mit hinüber in diese neu verklärte Welt geschleppt hätte. Alles war in diesen Tagen besorgt zur Reise. Hilda hatte am Abend zuvor bis in die Nacht Abschied vom theuren Vater genommen, und seine Aufträge, Anweisungen, Lehren und seinem guten Rach mit kindlich gehorsamem Herzen empfangen. Der alte Mann schlief noch am rosigen Morgen, als Schreckhorn mit seinem kleinen grünen Korbwagen


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    und einem zur Reise gekauften Pferde, so geräuschlos wie möglich, vor das Haus gefahren kam.
    Sie war schon fertig; die Päckchen bereit. So lächelte sie Schreckhorn hinab durch das Fenster zu, dann sah sie noch einmal im Spiegel, und trat dann vor das Bett des schlummernden Vaters, Sie wollte ein Vaterunser beten, aber es löste sich vor Gefühlen in bestimmtere engere Gedanken und kleinere, aber eben so heilige Wünsche auf, ja zuletzt in zwei Thronen im Auge. Dann küßte sie ihn auf die Stirn, leise, leise! Und die Päckchen nun unter dem Arm, stand sie noch an der Thür und sahe noch einmal zurück über Alles, Ihr Zeisig war schon munter; und wie er sonst sein Futter mahnen kam, indem er auf sie zuflog, als woll' er sich auf ihr Köpfchen setzen, so that er auch heute.
    Wie anders aber würde sie geschieden sein, wenn sie gewußt hätte, sie werde den Vater nicht wieder sehen! Wie langer und inniger würden ihre Lippen aus seiner Stirn geruht haben! Wie heißer ihre Thränen geflossen sein — die den Vater aber ja aufgeweckt und bekümmert hatten. Wie anders würde sie sich jm Spiegel betrachtet haben, wenn sie gewußt, ihr Vater werde sie nur todt, aber tobt doch wiedersehen. So aber eilte sie froh in den Wagen, und blickte, das Herz voll Muth der kindlichen Liebe, in die leuchtende liebliche Ferne, wie der Schiffer hinaus auf die ruhige schimmernde See, die sich ihm zum Grabe aufwühlen wird.


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    Ihre Fahrt ging glücklich; selbst der schwache Nordwind stand ihnen im Rücken; aber der erste Zweck der Reise, die Rolle des Mahners, mißlang der schonenden Hilda. Ihre Lippen bebten, wenn sie bat, ihrem Vater die Schuld zu bezahlen, aber sie konnte seine Lage, seine dringende Roth, ihre Angst nicht aufdecken, wenn sie die Antwort vernahm: sie würden, wie sonst und künftig, auch dießmal pünktliche Zahlung in der — Zahlwoche leisten; Vorausbezahlung sei schwer, ja ungerathen in einer Zeit, wo so viele sogar nachher nicht bezahlten, und — mahnen verschlage' die Kunden; so wie man Niemanden besser oder übler los werden könne, als wenn man ihm Geld oder Waare borge. Ein bekanntes Geheimniß.
    In der folgenden Stadt war der Haupt-Creditor des Vaters, der ihm den Veit und Bock in den Laden gesetzt, nicht zu bewegen — weil er nicht da war, sondern selbst ausgetreten, Schulden wegen; und der dringenden Forderung an den Vater hatten sich die dem Abwesenden gesetzten Fürsorgen bemächtigt.
    In Nürnberg fand sie dagegen den Maler Lelisa, zu dem sie sogleich hinauf ging, da sie in dem von ihm bezeichneten Gasthofe des Abends spät abgestiegen waren, während, vor der Thür ein ungeduldiger, auf seinen Passagier wartender


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    Postillon das „di tanti palpiti“ blies. In seinem Zimmer droben hielt ein kleines allerliebstes Knäbchen ein Licht, und leuchtete dem zum Einpacken vor einem Coffer knieenden Maler — seinem Vater. Hilda trat nahe, und ließ ihm die Rolle mit Gold über die Schulter hinein fallen. Hastig ergriff sie Herr Lelisa, sprang auf, erkannte seines Herrn, Warnkönigs Tochter, und nannte sie einen Engel des Herrn. „Nun kann ich mich rächen! noch, noch!“ sprach er heftig und froh, ohne Hilda zu Worte kommen zu lassen. „Gemma ist fort! Mit einem Matrosen aus Neapel; der in der Ostsee Schiffbruch gelitten, und auf zwei Schildkröten, die er vorzeigt, sich heim nach Italien bettelt. Aber das ist nur Schein! Ich weiß, daß sie ihr Mahner erwartet, und wo! Er war wieder hier. In Ihrem Laden hat er sich in sie verliebt, als ich vor einem Jahre bei Ihnen war. Der Unglücksladen.“
    Hilda erröthete.
    „Hier haben Sie die Bilder — die somit Bezahlten, und hier die, welche Sie mir schönste Hilda, durch einen Gefallen bezahlen sollen! Rechnen Sie Kost, Kleider und was Sie wollen, so hoch Sie wollen — nur nehmen Sie hier mein Kind! Der arme Schelm heißt Cornelio, zu Danke an meinen einzigen Meister Cornelius. Hier, mein armer Schelm, gieb deinem Vater noch einen Kuß! hundert, tausend! Wer weiß, ob du den Vater wiedersiehst! Die Mutter ist so schon fort!


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    So! hab' mich noch einmal recht lieb! Drücke mich fest, aus Leibeskräften! So! So! mein armer Schelm.“
    Er war zu ihm gekniet und das Kind, ganz rathlos und bestürzt, umschlang des Vaters Nacken mit beiden kleinen Armen, und drückte den Vater, was es konnte. Dadurch hatte es den Leuchter fallen lassen. Das Licht verlosch. Es war sinster. Hilda hörte den Maler nur den Coffer zuschließen, ihn sich aufladen, fortschreiten, die Treppe hinunter eilen; und während das Kind weinte, nach der Mutter rief, und ängstlich Hilda's Hand faßte und umklammerte, und sie den kleinen verlassenen Mann auf den Arm nahm und herzte und küßte, hörte sie den Wagen dumpf fortrollen, und den Postillon ein lustiges Lied zu.der Trauer blasen.
    Und so brachte sie den holden kleinen Cornelius hinunter zu Schreckhorn und stellte sich ihm als des Kindes neue, und so Gott will, bessere, treuere Mutter vor, Sie erzählte den Hergang. Sie erzahlte dann dem Kinde: daß der Vater die liebe Mutter hole; dann aß es erst vergnügt, legte sich auf Hilda's Schooß und schlief heiter ein, und lächelte im Schlafe, nur noch manchmal, aus Nachgefühl des vorigen Weinens, von dem bekannten Kinderbocke gestoßen, aber nur sanft. „Der Schlaf macht alles gut!“ sagte Hilda; „wie selig sind wir, so lange uns der Bock stößt! Werden wir groß — ach, da find unsere Gefühle die Thränen!


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    Unsere Seele weint, nicht unser Auge; aber sie weint dann zu Allem heimlich im Innern fort — und mit dem seligen Bocke ist unsere Seligkeit verschwunden, heimgezogen in das Land der Kindheit! — und Bruder Bock sitzt in Vaters Laden —“ wollte sie sagen, aber auch dieses ihr Wort ward nur ein schneidend Gefühl in der kindlichen Seele.
    Sie sandte die Bilder zum Vater nach Hause, und schrieb ihm so schonend wie möglich „wie wenig und Nichts sie bisher ausgerichtet.“ Ihre Tante aber hatte ihr noch keinen Brief nachgesandt, zum — unsichtbaren Zeichen, daß sich daheim nichts verändert habe, Aber wie viel konnte sich dort durch ihre Umschreibung und Beschreibung des Nichts verändern! Nur wenn das Unglück am höchsten, ist jede Veränderung eine Verbesserung; und darum sagt man, daß Gott dann am nächsten sei. Fast aller Menschen üble Zustände sind aber noch vielfacher und mannigfaltiger Verschlimmerung fähig, Das sahe Hilda ein und wandte es auf den Vater an, nicht auf sich, denn sie lebte nur in der Sorge für ihn, zum Beweise: daß jedes Unglück der Veredelung fähig sei, und daß der Gute nur — seine Liebe leidet, das heißt: sie recht inne wird, oft recht herzinnig.
    Nach einigen Tagereisen kamen sie, nun zu Drei, in Freigangs Wohnort an. Als Schreckhorn eben zum Thor hinein lenken wollte, erschien ein goldenes Crucifix


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    mit einem Knaben — hinter ihm Sänger — hinter ihnen ein Chor Posaunen — hinter ihnen weißgekleidete Mädchen , die einem Todten den stillen letzten Weg mit Blumen bestreuten. An der Spitze derselben ging die Schönste, als die Hoffnung, gekleidet und mit den Symbolen der Hoffnung. — Sie mußten im Wagen halten und zusehn. — Nun erschien der Todte, von jungen vornehmen Männern getragen, das schwarze Tuch mit grünen Kränzen geschmückt, und an der Stelle, wo drunter verborgen sein Haupt ruhte, war es droben im Licht der untergehenden Sonne mit einem Lorbeerkranze geschmückt. — Hilda's Herz pochte. Sie neigte sich, und frug ein neben ihnen stehendes Mädchen, das seine bloßen Arme unter der blauen Schürze verborgen: wen sie begrüben? — „Ich glaube, er heißt Freitag;“ erwiederte das Mädchen. — „Ach! — Freigang?“ — „Ja, ja Freigang!“ — Und, nun erschien seine Witwe, an jeder Hand ein Kind; das Größere an der Linken, ein junges Mädchen von etwa 5 Jahren, das durchaus nicht den Vater begraben lassen wollte, sondern sich sträubend die Mutter zurückhielt, aber von ihr fortgezogen doch wieder folgte; an der Rechten aber führte sie einen kleinen Knaben, der heute wohl die ersten Hosen trug und lachte und freundlich war, in seine empfangene kleine Citrone biß, und zu dem Kindern am Wege sauersüße Gesichtchen zog.
    Weiter konnte Hilda nicht Achtung geben; sie verbarg sich im Wagen,


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    Und als der lange Zug vorüber war, fuhren sie sachte die Straße hinab in den Gasthof. Schreckhorn gab wie gewöhnlich das Pferd an den Hausknecht, und sie blieben drunten im Gastzimmer.
    Hier nun lobten Einige das schöne Begräbniß; Andre freuten sich der allgemeinen Theilnahme an dem Todesfalle; noch Andre, mit zornrothen Gesichtern, sammelten Unterschriften zu einer ganz neuen Art von Abonnement, nämlich: das Theater nicht mehr zu besuchen. Auch sie als Fremde durften und sollten die Schrift auf dem Bogen lesen, worin überhaupt die Vortheile angeführt, waren, die entstehen müßten, wenn das Jahr über höchstens nur 6 bis 9 mal Schauspiel sei; welche vortreffliche Stücke es dann geben werde, wenn Alle nur Preisstücke wären, wie bei den Griechen, nicht wie die Meisten bloß Eintagsfliegen; wie viel Zeit dann bliebe, die würdigen Stücke würdig einzustudiren, wie viel weniger, aber wie viel bessere Schauspieler dann sein würden, wie nur die Edlen und Guten derselben dann bleiben und gelten könnten; wie sehr die Raserei der Eitelkeit der Andern, der Jocko's und Bären etc. etc. dann beschnitten, ja aufgehoben würde, welche Eitelkeit, durch den Aufschwung der Theaterkritiker bis zu einem wahrhaft stehenden und versumpfenden Artikel in den Tageblättern — nun bis aufs Aeußerste gekommen, ihren Sturz finden müsse, werde und solle. — —


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    Und nun erfuhr Hilda, daß die Meisten der hiesigen Truppe von Freigang sich beleidigt gefühlt, weil er einen fremden Gastspieler nur verdientermaaßen belobte und so sich beleidigt gefühlt, daß sie in corpore zu ihm gegangen, und den so schon äußerst kranken braven Mann an Leib und Seele — da Er eine Seele hatte — so angegriffen, daß er sie, die Stadt und die Welt gesegnet.
    Sie weinte innerlich, und hörte kaum, daß die Redactoren der Tagesblätter sich und dem Volke gelobt, keine Theateranzeigen mehr anfzunehmen, und Obscures in Obscuro zu lassen; auch: daß das Theater geschlossen sei, und nur auf ganz neue, durch Caution gedeckte Contracte wieder geöffnet werden sollte. Dagegen las sie erschüttert eine Anzeige in der Zeltung: daß ihres Vaters „Deutschland in Bildern“ nächstens bei Mauskopf nachgedruckt und lithographirt erscheinen würde; Heftweise; Spottwohlfeil,
    Sie legte sich über das Blatt der Zeitung, als wenn sie müde sei, und schlafen wolle, aber das Unschickliche davon einsehend, richtete sie sich bald wieder auf, und ihre Augen lasen mechanisch ein Lob der außerordentlichen Gerechtigkeit von Herrn Mauskopfs zwar nur kleinem, aber großherzigem Landesherrn, den sie schon hatte den Souverain d'or nennen hören — daß ihr ein Blitz von Gedanken die Seele durchfuhr, daß sie freundlich und schön vor sich hinsah wie ein Engel.


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    Aber erst mußte sie zu Freigangs Witwe, um ihr ja bald das Geld zu bringen zur Hülse; und zum Troste — das Document. Sie zog sich um; und als der Zug schon längere Zeit zurück war und der Vollmond aufgegangen, ging sie unangemeldet hinüber in das  stille verödete Haus.
    Sie ging leise im Düstern die Treppe hinauf; die Thür des Wohnzimmers stand offen. Sie bot leise guten Abend; sie verneigte sich einigemal; aber es ward ihr so wehmüthig, daß sie sich setzen mußte. Denn am Fenster saß die Witwe vertieft in ihren Schmerz, neben sich auf dem Stuhle das junge Mädchen stehend, das vorhin den Vater nicht hatte begraben lassen wollen, als wenn er dann bei ihnen bleiben könnte! Der Mond schien hell zum Fenster herein und tuschte die Schatten der zwei Gestalten auf den Estrich des Zimmers.
    „Aber Mutter, liebe, liebe Mutter,“ — fuhr das Kind in seinen Fragen jetzt an sie fort — „sage mir nur noch Eins, und versichere es mir und versprich mir's: wenn wir nun einmal auch gestorben sind, kommen wir denn gewiß auch wieder Alle einmal hier in das Haus? hier in G'winners Haus, darin wir jetzt wohnen? Und wird der Mond grade wieder so herein scheinen? Aber grade so muß er! liebe, liebe Mutter! versprich mir's gewiß! —“


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    Und in Thränen schwimmend hing sich das Mädchen an ihren Hals.
    Die Mutter aber sagte dem Kinde und sich zum Troste:
           „Ohne Wiederbringung aller Dinge
             Ist Jedes eitel und kaum geringe.“
     Wir sitzen gewiß Alle einmal wieder hier in G'winners Hause — und der Mond wird grade, grade so herein scheinen — und der Vater ist wieder bei uns! Und wenn Alles, Alles wiedergekommen ist, dann bleibt es alle, alle Tage so!“
    „Aber Mutter, wann denn? wann geht denn das an? wann kommt denn Alles, Alles, wieder? — ich meine den Vater! Ostern? oder doch Pfingsten? aber ganz gewiß doch zum heiligen Christ! ja! zum heiligen Christ! Der bescheert uns ja Alles, was uns lieb ist, und was Du uns die ganze Zeit her versprochen hast! so lange will ich noch warten! Auf den heiligen Christ habe ich ja schon so geduldig gewartet, bloß auf eine Puppe oder ein neues Kleidchen; und auf den Vater erst, wie will ich da geduldig warten, ohne einmal mehr mit den Augen zu fragen oder zu seufzen. Das sollst Du sehen!“
    Und nun klatschte das Kind geschwind nach einander in die Händchen und freuete sich, daß die Mutter endlich überwältigt laut in Thränen ausbrach, und sich noch weniger von dem Kinde beruhigen ließ, wenn es ihr nur sagte: „Mutter, liebe Mutter, Weihnachten kommt ja auch!


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    Laß nur die Erdbeeren, Kirschen, Pflaumen und Nüsse und alles das Zeug erst vorbei sein! Hei! wenn der Schnee wird fallen! und die Fenster frieren voll Blumen, und der Schneekönig schnickern wird — da ist gleich dann Weihnachten! Warte nur auch! liebe, liebe Mutter! — ich freue mich ja!“
    In diese Scene, redete der kleine Junge aus der Kammer im Schlafe: „Vater! — Vater! die kleine Citrone ist recht sauer! — Mutter, hast Du keinen Zucker? ich bin ja auch dein kleiner Mann!“
    Die Mutter wollte zu ihm. Hilda war aber schon aufgestanden, und so überraschten sie beide einander. Hilda nannte sich, sagte gleich, daß sie komme ihr des Vaters Schuld abzutragen, und baß sie ihr leider nur ein Dokument über die 1000 Dukaten bringe. Die Interessen in Golde legte sie auf das Fenster, das Document gab sie ihr in die Hand.
    Die arme Frau war wie vom Monde herabgestiegen. „Also hat mein Mann nicht in der Irre geredet? Er gestand mit: er habe noch heimlich Geld, das komme längstens, wenn er todt sei! Nun kommt es!“ — So freute sie sich, und umarmte Hilda.
    „Mutter! da will ich wieder recht Goldstücke zählen!“ freute sich die kleine Tochter.
    Hilda aber seufzte aus schwerer Brust, da die Goldstücke vielleicht nie kommen würden.


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    Aber sie gelobte sich, die Reise zu Mauskopf, nach Schadenersatz, da sein Herr so gerecht sei; ja sogar ein saurer Gang zu ihm selbst hinauf in das Schloß sollte ihr nicht zu schwer sein. Und alles was sie sagen, bitten, drangen, beschwören wollte, flog ihr schon durch die Gedanken. Sie beklagte Herrn Freigangs Schicksal, und sagte, was sie heut über den Vorgang gelesen, und was die Stadt entschloffen sei — aber die Witwe beruhigte sie. „Mein Mann war zu fest und stark in seiner Seele“ — sprach sie fast lächelnd — „als daß ihn so etwas Kleinliches erschüttert hätte. Er vergab ihnen nicht nur — er bedauerte sie sogar herzlich! Doch haben Sie hier zu Ihres Herrn Vaters, „Leiden,“ als Anhang noch den letzten Aufsatz von meinem Manne, „über die Leiden vom Theater.“ Des Volkes und der Sache wegen, war ihm eine nicht aufrichtig gemeinte Kritik einer andern Arbelt von ihm betrübender. Leider hatte er diese in eine Zeitschrift gegeben, die Hurch Titel und Bestimmung mit der eines andern machtigen Buchhändlers freilich collidirt! Die Kritik war darum hämisch. Mein Mann meinte: Alles sagen und schreiben, nur ehrlich und auch so gemeint, wie geschrieben — dann ist uns geholfen! Dagegen erquickte ihn eine Stelle in einem andern Werke „Das Menschengeschlecht,“ das man ihm aus Kopenhagen zur Rezension gesandt —eine Stelle, die ihn mit seinem Beruf ganz ausgesöhnt; denn der Verfasser rechnet zu den Ständen des Volkes


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    den Stand der Gelehrten, doch als den in Wahrheit regierenden, obenangestellt, und gesellt ihm die andern, Regenten und Künstler durch geistvolle Kombination nur bei. — Was nur erst gesagt ist, meinte mein Mann, das ist gesät, wenn es nicht schon Gedankenerndte der Zeit ist. Und so entschlief er in Frieden, als hätte ihn ein Engel mit einem Lorbeerkranze gekrönt.“
     Das Gespräch verlosch dann nach und nach. Hilda versprach auf der Rückreise wieder zu ihr zu kommen; dem lieben kleinen Mädchen aber steckte sie, unter einer Handvoll Bonbons, einen Ducaten — von ihrem spärlichen Reisegeld gern — entwandt — in das Täschchen im Schürzchen, und ging unter den heißen Segnungen der nun sich für reich und geborgen haltenden Witwe, im Dunkeln von den guten — armen Leuten!


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