Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Die Altenburgerin


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    Hilda eilte mit beklommenem Herzen zum Vater hinunter, der sich über das Geld wunderte, seine stille Betrachtung hatte, es dem Frachtfuhrmann bezahlte, aber erst, als sie fort war, heimlich dem Freunde Schreckhorn ins Guthaben schrieb.
    Schreckhorn blieb den ganzen Tag im Hause. Der Tag war aber mit alledem noch nicht beschlossen, und endigte mit einer gedämpften — Scene, gedämpft durch das gute Gemüth derjenigen, die sie zu spielen hatten. Fast gegen 10 Uhr zog es noch dreimal an der Klingel. Hilda eilte mit Licht hinunter und that auf. Niemand zu sehn. Sie leuchtet hinaus, hält die Hand vor das Licht, der Wind verlöscht es; aber sie glaubte doch eine weiße Gestalt auf der Bank vor der Thüre erblickt zu haben. Sie fragt:
    „Hilda, bist du es?“ Ja, antwortete eine weibliche Stimme, „ich bin's, deines Vaters Schwester, die Altenburgische . . .“
    Hilda hilft der müden Alten erschrocken ausstehen, denn sie hat ein Gebund Betten in weißem Tuche mit hergetragen, sie küßt ihr die Hände, und zieht sie herein. Und während sie im Hause forttappen, und wieder ein Weilchen stehen bleiben, erzählt ihr die Alte: „Deinen Brief habe ich richtig erhalten! Kein Mensch sollte es so einem Papiere ansehen, was es einem das Herz beschweren kann, und was man darüber für Thränen vergießen muß! Gott, was der Herr Bruder für ein Mann ist, der so viel solche Papiere in die Welt befördert wie Tauben Noah's!


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    Nun siehst Du, Kind, da habe ich denn mein Ausgedinge, wo ich Essen und Trinken und ein Viertel Leinsaamen zu Leinwand alle Jahre gesät bekam, ich habe es verkauft, und bringe das Geld, die schönsten blanken Kukuks-Thaler, mit der Umschrift: „Segen des Bergbaues.“ Nun, Gott mag sie dem Herrn Bruder segnen! Nun hast Du mich ganz, mein Kind! Ich bleibe bei Euch, bis sie mich forttragen, und wie es dem Herrn Bruder geht, so soll es mir auch gehn! Wer es besser will, als die Seinigen, oder die gar unter einem Herzen mit ihm gelegen haben, oder daß ich recht sage, vor ihm oder nach ihm — denn Zwillinge sind wir nicht mit dem Herrn Bruder — der ist kein rechtes Geschwister, und weiß gar nicht, was Blutsverwandtschaft ist und zu bedeuten hat! Ein Kämmerchen wirst Du wohl haben für mich, und so Gott will, wird Dich ein Morgenlied oder Abendlied nicht in deinen Gedanken stören, und was ausstehen mußt Du schon mir zu Liebe; und Alles, was ich mir ausmache, ist ein gutes Kännchen Caffee, der jetzt ja nicht theuer ist, und ein ganz kleines Töpfchen Sahne dazu, so klein, daß es die Katze nicht aus« naschen kann, sie stecke denn ihr Pfötchen hinein!“
    Sie waren jetzt an der Treppe. Hilda nahm ihr die Bürde ab, und meinte nur, was der Vater zu ihrem Schritte sagen, wie sie ihn dadurch betrüben werde! 


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    Aber die Alte sprach im Dunkeln etwas lauter: „sei ruhig, mein Kind! Da ist vorgedacht! Ich kenne meinen Herrn Bruder, der gern auf eigenen Füßen steht. Siehe, ich sage ihm: lieber Herr Bruder! Du hast mir immer gesagt, wenn es mir auf meine alten Tage nicht mehr in der Einsamkeit gefiele, wo ich säße und Vater und Kinder vermißte, oder die neuen Leute im Hause mich nur scheel ansähen, geschweige mein Töpfchen von der guten Stelle am Fener wegrückten, so sollte ich zu Dir kommen. Siehe, nun thun mir die Kinder der fremden Leute im Hause Tort; sie malen mir den ersten Mai drei Kreuze mit Kreide an die Thür; wenn ich singe, posaunen sie; wenn ich im Sommer nach Mittag schlafe, heizen sie ein, daß ich mich halb tobt schwitze; oder klauben im Winter den Lehm aus den Kachelfugen, daß es raucht und der Husten kommt; oder pochen Abends ans Fenster, und wenn ich hingehe, sieht ein abscheuliches Gesicht hinein, und dann geht die Gestalt hoch und langsam fort — das Betttuch aus dem Rechen, das ich glauben soll, der Tod sei mir erschienen, und daß ich je eher je lieber sterben soll. Oder sie versalzen mir den Wasserständer, zerplatzen die Kälberblase im Hause, oder binden die Schweinsblase des Weihnachtsschweines, mit Erbsen geladen, meiner alten Katze an den Schwanz, daß sie nach den Feiertagen erst halbtodt nach Hause kommt. (Und das ist Alles wahr.) Kurz, lieber Herr Bruder, werde


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    ich sagen, ich habe Alles verkauft bis aus die paar Kleider, die mir langen werden bis in den Sarg. Du aber bist ein guter Bruder und verstößst mich nicht; und daß Du etwas für die Mühe mir mit hast, so nimm hier das Säckchen Kukuksthaler und füttere mich zu Tode! Lieb hast Du mich ja, und ich Dich! Und so sind wir wieder zusammen, wie vor in der Kinderstube; nur alt und etwas verdrüßlich von dem lieben menschlichen Leben, mein lieber Herr Bruder!“
    So sagte sie im Eifer der Gutmüthigkeit immer lauter redend. Aber Herr Warnkönig hatte schon zum Fenster hinaus gesehen, seiner Schwester Stimme erkannt — und war ihr entgegen auf den Saal hinaus getreten. Den verabredeten edten Verrath an sich hatte er zwar nicht gehört, aber wohl alle Worte, die seine Schwester ihm sagen wollte, damit er sie aufnähme, und so schloß er sie oben in seine Arme, und da im Finstern sah keines des Andern Thränen, und das bekümmerte und doch so selige alte Gesicht. Und Hilda sie beide nicht. Aber sie stand babei, an die Wand gelehnt, und hielt mit der Hand ihr Herz. Bruder Bock leuchtete dann mit dem Lichte heraus, und so beschloß sich der vielbekümmernde Tag mit jener heiligen Freude, die das Glück nie gewährt noch gewähren kann, weil alles Glück eines Menschen eine augenblickliche Beschränkung ist, und ihn nur sich selbst empfinden läßt; das Unglück aber eben die Nebenmenschen, die Welt, und alle Schätze des eigenen Herzens dazu — im Glanze der innern göttlichen Sonne, oder um es grade zu sagen, so wie es doch ist: in der Nähe, dem Anhauch und dem Lieben der Gottheit.


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