Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Geheimes


 50   51   52   53   54   55   

    [346_50]     nach oben

    Indem er noch als Beweise sein Taufzeugniß und einige Briefe des Vaters vorlegte, hielt ein Frachtwagen, und gleich darauf meldete der Ballenbinder Harich mit bittrem Verdruß den Wagen voll Krebse, mit Fracht und Spesen — beschwert.
    Herr Warnkönig, seinen Bruder Bock hinterdrein, ging nun hinunter. Und so erfuhr er denn nicht, daß Schreckhorn mit seiner Frau hatte reisen wollen, um ihn wo möglich zu retten, durch Eincassirung der Gelder sowohl, als durch


    [347_51]     nach oben

    Austreibung von andern durch Schreckhorns Vermittlung bei seinem Vater.
    Die beiden Mädchen herzten und küßten sich nun erst voll neugefaßten Zutrauens, voll Liebe und Herzlichkeit. Schreckhorn war die Freundin der Mutter, und Hilda erbte nun die Gefühle für sie, die Treue zu ihr, und sie selbst trat nun in die Lücke des Herzens in Schreckhorns Brust.
    „Siehe nur nach, liebe Hilda,“ sprach er alsdann, „bei deiner Mutter Kleidern wirst Du auch meine weiblichen Kleider schon alle fertig finden. Wir haben sie selber gemacht, denn heimlich bin ich auch — Schneider, liebes Kind. Herr Mahner hat zwar die Sachen noch sehr verschlimmert — aber reise nun Du mit mir, Du ehrliche Seele, braves Mädchen! Es gilt die Rettung des Vaters. Du bringst die Interessen zum Begräbniß an die Witwe Herrn Freigangs; Du bringst ihr das Document, über die tausend Ducaten, daß der Vater hier ausgestellt und statt Antwort erst vorhin geschrieben, aber mit Angst und Zittern: woher, und ob er es je bezahlen könne! Wir reisen zu seinem beschwerlichsten Creditor — wir bewegen ihn, oder treiben Geld ein und auf, und erlösen ihn von Bock und Veit aus dem Wechselarrest, und ich habe deiner Mutter gelobt, von meinem Vermögen noch weiter zu thun, was ich kann und der Vater nur willigt.“ — Ein anderes Geheimniß schien Schreckhorn noch jetzt in der Brust zu behalten, und behielt es auch wirklich.


    [348_52]     nach oben

    Denn von seinem Vater wußte er erst ohnlängst, daß Hildas Mutter — das Mädchen, das Warnkönig sich aus der Lawine geschaufelt — nicht die Tochter der Hausbewohner gewesen, wie diese wohl vorgegeben, sondern ein noch in Windeln schon ihnen nur anvertrautes Kind. Und später einmal war eine vornehme fremde Dame vorüber gereiset, hatte vor dem verfallenen Hause gehalten, die drei Kreuze gesehen, im Abenddunkel sie heimlich alle drei umarmt — um sicher das Theure zu treffen, weil sie im Dorfe vermuthlich als Sage gehört, daß die Bewohner des Hauses verschüttet und darunter begraben worden. Vom abwärts haltenden Kutscher hatte der eben nach Hause kehrende Mädchenmüller Schreckhorn auch den Namen, Stand und Wohnort der Dame erfahren, die ganz wahrscheinlich des mitverschütteten Mädchens heimliche Mutter gewesen, weil er zugleich ihre Thränen und Hast gesehen, sich wieder in Wagen zu flüchten und fort zu eilen, eh' er ihr sagen können: welche sie vielleicht beweine, die lebe gewiß. Und so hatte er es ihr nachher geschrieben. Und dieß ganze auffällige Begebniß hatte den Mädchenmüller Schreckhorn seinem Studenten mitgetheilt, der es wiederum seiner Freundin Warnkönig nicht verschwiegen. Auf dieses Geheimniß hatten sie beide die Reise nach Hülfe wahrscheinlich gegründet. Von alle dem schwieg er nun jetzt gegen Hilda.
     „Ach, wie will der arme Mann drunten jetzt nur die Fracht bezahlen!“


    [349_53]     nach oben

    seufzte Hilda; „wie will er Freigangs die Interessen senden? Ich habe an des Vaters Schwester geschrieben, heimlich, heimlich ohne sein Wissen. Sie hat uns einmal besucht, und mich reichlich beschenkt. Sie ist eine Altenburger Bauerfrau, oder nein, eine Witwe; sie hat keine Kinder, sie hält auf ihren Bruder, wie auf Einen, der aus ihrer Familie ist groß und vornehm, Fürst oder König geworden — aber sie soll noch antworten! Und hier ist am wenigsten Hülfe!“
    „Hier weiß ich auch keine!“ beklagte Schreckhorn — als, der Vater druckte eilig Ein oder Zwei Bücher, die gewiß verboten würden — also reißend abgingen! Ich weiß da zwei Manuseripte, das Eine: Travestie von des Herrn: „Pabst Anleitung zur Rindviehzucht, und zur verschiedenartigen Benutzung des Hornviehs.“ Ein schlagendsatyrisches Werk, ein Lucian — nicht ins Deutsche, sondern in die neue Welt, in die neu italienische Mythologie übersetzt.“ 
    „Ach, man verbietet ja jetzt kein Buch mehr!“ zeufzte Hilda, „man weiß nun ja aus Erfahrung — sagt der Vater — es ist gefährlicher, die öffentliche Meinung zu unterdrücken, als sie zu hören und zu leiten. Man verbietet nur das, worauf man die öffentliche Aufmerksamkeit mit Gewalt lenken will. Der Vater ist so klug wie Einer, und so mild zugleich aus Rechtschaffenheit, um Niemand zu kränken. Er druckt den „Pabst“ nicht.“


    [350_54]     nach oben

    „Erst wenn wir reisen und Geld auftreiben könnten,“ nahm Schreckhorn das Wort, „wüßt' ich ein Mittel, den Vater mit einem Schlage reich zu machen! Ein alter Doctor hat durch sonderbare Fügung, durch Weglöschung der obern Schrift von mehrern Pergamentbänden, die aus Amalfi*) stammen und die er aus Genua mitgebracht, des alten vortrefflichsten griechischen Schauspieldichters Menanders Werke entdeckt. Da, ist auf eine erste Auflage und Ausgabe von hunderttausend zu rechnen; denn die alten griechischen Dichter dichten nicht mehr, aus bekannten Ursachen, wovon der Tod nicht die kleinste ist; und die Welt glaubt wirklich im Ernst, beinahe der Natur zuwider, jedes Blatt aus dem Alterthum, jedes abgebrochene Wort einer Inschrift suchen, sammeln und aufbewahren zu müssen, indeß die Natur ihre ganz anderen Blätter in jedem Herbst auf ewig verstreut und gegen einen General-Speicher aller ihrer abgelebten Dinge durch immer Neue, Andre, Lebendige laut appellirt. Wehe der Nachwelt, wenn unsere Welt einst eine Alte werden sollte! Mir schaudert die Haut nur vor einer künftigen allgemeinen Bibliothek! Hat doch jedes Geschlecht alle Hände voll mit sich selber zu thun, und höchstens wird ein ganzes Volk eine ganze Bibliothek besitzen können und mögen. Kein trostloser Scarabäus als ein Bibliothekar! — Aber ehe der Welt die Augen aufgehen durch den embarras de richesse und ehe sie lernt, immer in der gegenwärtigen Ansicht, immer in der jetzigen Fülle

    [ *)Amalfi liegt am Golf von Salerno, am Tyrrhenischen Meer, 26 km westlich von Salerno und 73 km südöstlich von Neapel. Die Stadt liegt an der berühmten Amalfiküste, einer steilen Felsenküste, die von der UNESCO zum Weltkulturerbe erklärt wurde. ]


    [351_55]     nach oben

    und Art der Dinge die einzige, fast ausschließende Nützlichkeit und Benutzbarkeit und die volleste Gnüge zu finden — kann der Vater den Schlag noch machen!“
    „Ach wie gern reisete ich! Das Manuscript wird aber auch schweres Geld kosten! schwereres, als wir wiegen!“ meinte Hilda. 
    „Laß Alles jetzt gut sein, gutes Mädchen!“ tröstete sie der Hausfreund. Und nun zahlte er eine Reihe Geld auf den Tisch, das er aus dem Verkauf seiner Bibliothek gelöst, und womit er den Frachtfuhrmann zu bezahlen rieth. Aber um Hilda nicht wehe zu thun, und den Vater zu bewegen, daß er es annähme, wenn wenigstens ein Schein des Rechtens dabei wäre — log Schreckhorn, und sagte, daß dieses Geld — Geld sei, das er nur wiederbringe, und das ihre Mutter ihm heimlich geliehen. Und so bedanke er sich noch tausendmal für der Mutter Güte bei der Tochter, entschuldigte sich, daß er es nicht eher gebracht, und bat gelegentlich um Zurückgabe der Schuldverschreibung — die unter ihren Papieren sich finden werde!


    nach oben