Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Der Mädchen-Müller


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    Schreckhorn bat den Bruder Bock, ein Weilchen in die Küche abzutreten, und fuhr dann fort: „Wenn mein Geständniß nicht außerdem zum Abfallen reif wäre — wie alle Blumenhäupter den reifen Saamen verschütten, das heißt ja: versäen müssen, — so bewegte mich doch Ihre Lage noch mehr dazu, als — Ihre Gedanken! Mein Vater fing an der Mädchenmüller zu heißen, weil er schon drei Töchter hatte, und jedesmal vom Storche doch nur einen Jungen gewollt, aber die Mädchen behalten müssen — mit dem Widerwillen eines guten Vaters, der eben nicht groß ist. besonders da die Mutter desto vergnügter darüber war. Zum Troste hatte ihm nun ein Reisender gesagt: Erst nach den drei Grazien käme Apollon! Also das vierte Kind würde ein Sohn sein. Oft bliebe er länger aus, und dann käme Apollon erst nach den neun Musen! — Zu diesem langweiligen Orakel hat der Vater die Hände über dem Kopfe zusammen geschlagen, und ein „Gott bewahre mich!“ gebetet. Der Storch aber bringt ihn als viertes Kind nun wirklich — ein Mädchen, und die große Prophezeihung, die lange Hoffnung hebt an! Er bringt nun richtig das fünfte Mädchen, das Sechste, das Siebente, das Achte, ja richtig das Neunte. Nun mußte Apollon kommen — so erwartete er, und so hatte Er auf jeden Fall beschlossen! Die Namen — „der Mädchenmüller“


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    — „die Mädchenmühle“ — „der arme Mann“ das Lächeln und Lachen, wenn er mit den neun Musen zur Kirche ging, oder sie gehen sah, hatten ihn zu dem , Entschluß gebracht. Da brachte der Storch mich — wie sich ex post ergeben — den nachherigen Student Julius Schreckhorn — und wie Sie sehen, nun eine alte Muse — aber leider damals ein junges, blutjunges Mädchen!“
    „Ein Mädchen!“ rief Hilda erstaunt und erfreut. Der Vater schob die Mütze auf dem Kopfe ein Stück weiter — und lachte, am meisten nur um die Worte seiner braven Frau wahr zu machen; und in dem kurzen Lachen lag eine lange ewige Liebe.
    „Ein Mädchen! die zehnte Muse!“ fuhr Schreckhorn fort. „Leider kostete ich meiner Mutter das Leben, welcher mein Vater ihren Tod durch das Wort versüßte: „Apollon! ein Junge!“ — und mit der letzten schwachen Anstrengung die Worte freudig sprechend: „Apollon! ein Junge! nun sterb' ich gern“ — starb sie, und gern! Denn sie hatte ihrem Manne die höchste Freude gemacht. Auf eine wahre Ehe folgt nie eine zweite Heirath; denn der Tod hat nur die Eine oder den Andern unsichtbar gemacht — was seine einzige Kunst ist — nicht getrennt, was er nicht kann, Herr Warnkönig nicht wahr? Die zweite Heirath ist eine halbe, die Nothheirath; die dritte nur ein Gedächtniß davon und daran, oder die Todheirath. Da mein Vater also zu keiner mehr schreiten wollte, da neun Töchter


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    mit hinein schreiten sollten in das bekannte aber nicht beliebte Stiefmutterjoch, so war ich sein letztes Kind auf dieser Erde; und zur Herstellung seiner Ehre, und zur Umtaufung der Mädchenmühle denn des Mädchenmüllers jüngster und einziger Sohn. Und als solcher ward ich bei seiner vertrauten Schwester erzogen. Als er mich nach Iferten*) that, wie man sagt, verhieß er mir alle Reiche der Herrlichkeit, zu welcher besonders, wenn nicht allein — seine Mühle gehörte. Dann sollt' ich studiren, Doctor oder Organist werden, wie schon mehrere Frauen in der Schweiz Organisten sind. Auch zu heirathen verbot er mir nicht — nach seinem Tode, wo. er sich nichts mehr aus der Welt und ihrer Rede zu machen habe — so lange der Himmel blau ist; dann sollte ich wirklich einen Mann heirathen dürfen — und wie sie denken können, diese Aussicht war völlig im Stande, mit Herz und Mund dem Vater mich zu verbinden! Und ein Geheimniß gefällt den Frauen sehr, noch mehr eine beständige Ueberlistung, ein kleiner unschuldiget Betrug! Ihrer lieben Frau, Emmeline, die mit mir beinahe von demselben Alter war, aber hatte er sich entdeckt, und ihr mich zur Hülfe und Förderung in allen Leibesnöthen — wie Luther sagt — auf das Herz gebunden, Also wir waren Freundinnen — und wenn Sie wollen, liebet Vater Warnkönig, so war ich der einzige ächte passable Hausfreund!“
    „Was ich gesagt, habe ich gesagt;“ erwiederte Warnkönig; „es ist nichts besser,

    *) Schloss in Yverdon (deutsch: Iferten) — Erziehungsinstitut Pestalozzi's


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    als wenn eine schlimme Rede in den Born fällt — nicht aufs Herz. Wollte Gott, daß noch meine verschiedenen Meinungen von der Welt auch alle so hübsch in den Born fielen!“
    „Und daß Sie mich den ewigen Studenten nennen, hat seine guten Gründe, die mir aber sehr übel bekommen!“ — fuhr Schreckhorn fort. — „Ein Mädchen, eine Jungfrau hat ganz andere Stimmung von — Hause aus; ganz andere Ansicht, weil sie andere Rücksicht und Aussicht hat. Wie sollte und konnte, mir also zu Herzen — und darum zu Kopfe gehn, was sich nicht natürlich an mein Wesen und Sein, mein Denken und Fühlen anschloß? Und wenn ein Weib auch alles so gut lernen und merken könnte, wie, ein Mann, so fehlt ihr die Lust dazu und die Freude daran, die der Mann hat. Und nun doch den Trotz: des Vaters Willen zu thun! die Rolle mit Ehren fort — wenn auch nicht auszuspielen! Und dazu die immer neuen, mit jedem Cursus wechselnden Zusammenstellungen der Dinge —. oder Systeme — sollte ich nicht endlich das wahre, bleibende in jeder Wissenschaft abwarten? Sollte ich, wie so Viele meiner andern Herren Mitbrüder, die edlen Burschen — in denen ich die junge Männerwelt sattsam kennen gelernt — mit einem Mundvoll aus der eben warm ausgethanen Schüssel des Lebensbreies davon eilen, und zu Hause dann zeitlebens daran genug haben? wie sie, in die Aemter, in den großen Commun-Backofen nach Brod fliegen und mit dem Mundvoll


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    Wissen und Haben und Meinen im Kopfe, das Volk in meinem Kreise um mich her abspeisen und glücklich machen! Kurz, ich war wohl unglücklich, und die Unglücklichen vertemporiren das Leben, das ist bekannt. Zuvorletzt aber verliebte sich noch ein schönes reiches Mädchen in mich — wie Sie wissen— und ich konnte nicht ganz aus der Rolle fallen! Zuletzt aber — daß ich's bekenne, übte die Liebe ihr Recht auch an mir, und es soll nicht wenig Freude machen, wenn der Student Schreckhorn den Professor heirathet, und Er seinen Famulus! Denn so weit hat es die Natur in ihm gebracht, daß er mir sagte, wenn ich eine Schwester hätte, die, mir gleiche, so müßte sie sein Weib werden ohne Gnade und Barmherzigkeit! und ich hab' ihm erwiedert: ich hätte ihrer Neun! — Als Eine oder die Andre will ich nun wiederkommen!“


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