Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Der Hausfreund


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    Herr Warnkönig stand leise auf, stand und sah. Der richtig empfindende ehrliche Mann war entrüstet über diesen Beweis von vielleicht schon wie langer Vertraulichkeit, welche er seiner Tochter, und ebenso wenig seinem Hausfreunde zugetraut. Daß sie durch die aus den Briefen geschöpfte Angst gestimmt war — gut! Aber seine Küsse! — Küsse! daß er die Stimmung des Herzens benutzte, wie nur ein Hausfreund kann, und nicht soll — schlimm! Unredlich! abscheulich! — empfand er. Denn der Unglückliche, Arme ist immer in einem gereizten Zustande; in seinem Gemüth sind alle Leidenschaften gleichsam wallend immer gegenwartig: Haß, Liebe, Hoffnung, Furcht, Rache, Vergebung, Zaghaftigkeit und Muth. Aber auch die Augen seines Geistes sind über alle Verhältnisse geöffnet, sein sehnsüchtiges Herz ist auf Wahrheit, Einfachheit, Reinheit und alle schöne Tugenden des Menschengeschlechts, mehr wie der Sinn aller Andern,


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    gleichsam zur Entschädigung für sein« Leiden gerichtet. Im Mißmuth endlich ist dem Menschen die übrige Welt verdunkelt und ohne Reiz, aber was den Gekränkten und Kranken selber betrifft, das ergreift ihn mit der ganzen noch übrigen Kraft seines Daseins. Und so trat denn Herr Warnkönig vor Schreckhorn hin, und sprach, nur noch seiner Tochter Werth erachtend, und halb ihn verloren gebend und halb ihn errettend, mit jener gewaltigen Schärft der leisen Rede, in welcher die ganze Seele zusammengedrängt ist: „Herr Hausfreund thun Sie sich keinen Zwang an vor dem Vater! denn er verdient keine besondere Rücksicht mehr, da er auf schwanken Füßen steht, und im Wechselarrest sitzt, oder umhergeht! Aber wirklich — ich bin Ihnen sehr verbunden für Ihre Offenheit! Wollte Gott, jeder Hausfreund verlöre aus Gewohnheit des heimlichen Beginnens — oder Endens — die Besinnung so sehr, immer so frei sich zu zeigen — ohne Falschheit im Falsch!“
    „Lieber Herr Warnkönlg!“ bat Schreckhorn? „was fällt Ihnen auf? Ich nahm nur herzlich Theil an Ihnen!“
    „Sehr herzlich!“ fuhr Herr Warnkönlg fort, „junger, alter Freund. Warum die Geselligkeit aufhört in der Welt? — der Gefälligkeit wegen — der Frauen und Mädchen wegen, denn die sind einmal die liebe Gefälligkeit selbst, die Gefälligkeit der Liebe. Wem soll ein ehrlicher Mann sein Haus nicht verschließen?


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    Wem soll ein verständiger Vater es nicht verbieten! So ist die Zeit geworden, die laut nach bessern — eher versorgten, selbst mit Frau und Kindern sattsam geplagten Männern ruft. Eine Frau wählen — ein schweres Werk! Aber ein Kinderspiel dagegen: einen Hausfreund erwählen, der nicht hinter unsern Rücken, oder sobald wir aus dem Hause sind, das herzlichste, älteste Recht — das Gastrecht — abscheulich durch Blicke und Wort untergräbt, so daß wir Männer und Väter Schatten und Narren, ja der Narr eines Schattens und der Schatten eines Narren in dem Hause werden, dessen Halt und Stütze, Wohl und Wehe wir sind! Wehe! — Meine Frau lachte — ich muß es und will es hier grade vor der Tochter sagen — wenn ich ihre Vertraulichkeit, das heimliche Flüstern mit Ihnen, Herr Schreckhorn, manchmal nicht gerade billigte, ja ihr zuletzt gehorsamst verbot, — sie lachte! und sprach: Nur eine kleine Geduld, und Du wirst lachen, und Dich nicht mehr wundern, ja mich sehr mäßig und unfreundlich finden; indessen erlaube ich Dir, Dich noch zu wundern. — Sie ist gestorben — und ich lache nicht! und wundre mich noch! Wenn ich nun nicht wüßte, daß ein gar braves Mädchen auf Sie hofft, bis Sie endlich einmal promoviren, Sie ewiger Student, und daß diese das Geld schon bereit hält, den dreifachen Doctor in allen Facultäten für Sie und um Sie zu opfern, damit Sie es ihr dann bezahlen mit Ihrer lieben Person und Ihrem noch lieberen Amte, so würde ich denken —


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    „vielleicht werden die Kinder bald Eins,“ und ein Auge zugedrückt haben — aber so, stehen mir beide Augen sehr offen, Herr Schreckhorn! Sehn Sie gefälligst mich an! In so fern Sie aber heute zum letzten Male aus dieser Thüre gehn — da Sie morgen von hier abgehen und nicht wiederkehren, wie Sie mir sagten, in so fern — — — “
    Hilda, die schon lange glühend in Thränen zerflossen, warf sich jetzt vor diesen sie vollends überraschenden Worten von Schreckhorns Scheiden, in des Vaters Arme, und der brave Mann drückte sie an sich, und weinte mit; er wollte nicht, er wußte nicht warum, aber er weinte mit; denn sein ganzes Schicksal auszusprechen in diesen Thränen, fand die gepeinigte Seele Luft und Gelegenheit!
    Auf diese geheime gute Rechnung schrieb auch Schreckhorn alle Worte des guten Warnkönigs. Er faßte ihn bei der Hand und sprach: „Sie sollen Niemand verdenken, nicht Ihrer braven Frau in der Erde — meiner treuesten, einzigen Freundin und Vertrauten — nun in der Erde. Aber auch Hilda soll als reine Tochter vor Ihnen dastehen, und mir sogar ist es nicht so angelegen, mich zu rechtfertigen über heute und vergangen, als Ihnen selbst bei sich zu Ihrer Rechtfertigung zu dienen. Denn, wie Sie auch fühlen mögen — ich bin der Unglücklichste hier — eines sonderbaren Vaters wegen, wie meiner ist.“


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