Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Brief vom Schriftsteller


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    „Hochverehrter Herr und Freund! Ich muß Ihnen doch eine Kleinigkeit melden — ich sterbe! Ja, ja, ich sterbe, wie der Arzt meiner Frau sehr heimlich sagte, vielleicht diese Nacht noch. Eine Kleinigkeit für die Welt, wie wenn der Wind ein Sandkorn wo anders hin weht; für mich — ein schwerer Gang! eine lange Reise! So was Altes, daß es die Menschen so gewohnt sind wie Wolkenziehen, und doch so neu für mich — da ich in meinem Leben nicht gestorben bin.


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    — — — O Herz, ach, also auch das! So geschieht es Armen Menschen. Fremdlinge sind wir auf heiliger Erde; Was nach stillem Gesetz auf ihr schon undenklich gewaltet, Was viel Thränen erheischt, und manchen Busen bestürmt hat — Nun erst schlägt es an unsere Brust, heischt unsere Thränen.

    Einzupacken ist nichts. Jeder läßt Alles hier. Der blaue Himmel sieht mich so fest und treu an, aber wie mir die Winter-Sonne vorkommt, die mir, auf dieses Blatt scheint, das ist unaussprechlich. Frau und Kinder folgen nun freilich — und jetzt freut es mich, daß sie sterblich sind wie ich; aber sie folgen, doch spät, und ich muß noch Sorge tragen für sie. Sie haben nicht, mich zu begraben. Auch die Trauer und die nächsten Tage und die neue Einrichtung ins Kleine — selbst diese wird einige Ausgaben machen. Ich bitte Sie also um die Jahresinteressen, die 150 Thaler Gold, aber schleunig!“
    „O Himmel,“ klagte Hilda dazwischen, „wo wird die der Vater jetzt hernehmen!“
    „Und dann — wir waren ehrliche Leute — aber der Frau und Kinder wegen, denn es ist ihr einziges Reisegelb durch die Iahre der schönen Erde — schicken Sie ihr doch ein Document über die 1000 Ducaten Honorar für die 6 Bände „Leiden,“ daß ich bei Ihnen in so sichern und treuen Händen stehen gelassen; oder lieber — machen Sie ihr eine Freude, schicken Sie ihr die tausend Ducaten blank, so neu, wie Sie können.


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    Da werden sie über den Vater weinen, und doch zuletzt sich trösten! und mir ist meine Bitte schon im Voraus ein Trost; denn es beruhigt: gut im Grabe zu liegen. Die Meinigen wissen nichts von dem Schatze; ich habe viel Geld verdient — durch den guten Willen gewiß verdient, und mein Weib glaubt, das war nun Alles, weil es so viel war, und denkt, daß es verthan sei, weil das alle ist. Die meisten Menschen glauben nicht, daß sie auch nackend leben, nicht nur nackend auf die Welt kommen und nackend in die Grube fahren. So dacht' ich, und that so. Ich habe als ein Mensch gelebt, das heißt, als ein Gast und ein Geist, und so hing unser Herz nicht schwer an leichtem Besitz, und wir haben mehr weggeschenkt an bedürftige, frierende, blasse, hungernde — Gäste und Geister, als selber genossen. Und doch hat Gott gesorgt, denn nun treten Sie wieder ein! O schöne, gute, reiche Welt!
    Gott lass' es Ihnen wohl gehen, und erhalte Sie noch lange Ihrer lieben Schweizerin, und Ihrer Sie liebenden Tochter!
    Ich aber bin, mit wahrer Hochachtung vor Ihnen als einem Menschen, der das Glück und die Freude hat, in der Welt zu sein und zu bleiben, Ihr, der strengsten Wahrheit gemäß, zeitlebens ersterbender

    Freigang.                 


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    Hilda konnte die letzten Worte vor Thränen nicht mehr sehen, und da sie hinter des Vaters Rücken heimlich weinen mußte, weinte sie um so erschütternder. Sie wies mit dem Zeigefinger dann auf die Geldsumme von tausend Ducaten; Schreckhorn zuckte die Achseln, und Hilda verbarg ihr Gesicht vor Schaam und Jammer an ihm. Er aber hielt sie umschlungen, und küßte sie zärtlich und wiederholt.


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