Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Brief vom Kommissionslager


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    Frankfurt a. M. den . . .

    Da Sie auf unser Werthes vom 8ten m. et. a. p. nichts anders verfügt, senden wir Ihnen im Geleite Gottes mit Frachtfuhrmann Balzar aus Bacharach in 10 Ballen No. 2,070 bis 2,080 — Ihre 1,000 „Leiden der Zeit“ zu 6 Bänden pro Exemplar, Summa 6,000 Bande „Leiden,“ mithin leider 100 Schock Krebse zurück. Die Ballen signirt H. W.   Das P will sagen: Palindromen, statt des widrigen Ausdrucks: Krebse, und scheint Mode zu werden. Lagerkosten, Spesen etc. laut inliegender Rechnung, haben wir Ihnen zur Last geschrieben. Fracht auf Ihre Kosten verdungen. Wir bedauern herzlich, daß der Nachdruck, wie Hagelschlag Ihre „Leiden“ getroffen, und werden an und in unserem Ostermeß-Reichstage alles Ernstes vorschlagen, daß eine Hagelassecuranz gegen den Nachdruck, wie gegen das himmliche Unwetter, des Baldigsten auf Actien zusammentrete. Dann wird die gewiß so schöne, jedes Geschäft solidirende französische „feste Rechnung“ nicht Haut und Kragen kosten, wie uns, wenn wir Ihre voltrefflichen l,ooo „Leiden" in feste Rechnung genommen, was wir schon wollten!


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    Aber ein guter Geist, der den Bösen glücklich erkennen läßt, hat uns gewarnt. Macht ein Buch furore — dann Wehe! liegt es wie todt — gleichfalls Wehe! Was sollen wir also noch drucken? ja nur in Commission nehmen? Nichts als, und Alles, was ohne Nachdruck geschrieben ist! denn das bleibt ohne Nachdruck! Wie wird sich, außer Ihnen, der außerordentliche Verfasser der „Leiden“ — Herr Freigang betrüben! Denn wie ist zugleich sein Werk in der Südstadt verstümmelt! Dort in Süden nämlich hat man nur ,,die nördlichen Leiden gebruckt und, die südlichen unterdrückt; so wie „Die Leiden von Oben“ (Band'IV.). Die Leiden von Unten (Band V.) aber beinahe verdoppelt! Band V et VI. aber, die Abhülfen von Oben und Unten, ex piopriis jämmerlich verflacht, verhöflicht und castrirt. Ein neuer Beweis der alten Meinung, daß Nachdruck nur in uncultivirten Ländern statt findet, und bis zu ihrer Heranbildung nöthig scheine, da Grenzen keine chinesischen Mauern sind, also doch der Ruf eines Buches herüber schallt, der begierig macht. Und dann bekommt das Kind ein rundgeschliffenes, stumpfes Kindermesser in die lieben Patschchen, statt des Säbels von Silberstahl, den es blinken gesehn und begehrt; oder einen Brei statt der Weinsuppe, die es so gut angerochen hat, und ihm gewiß gesünder wäre. Sollte die Assecuranz zu Stande kommen, so machen wir uns zu Ihrer Hülfe anheischig, daß dieselbe auf ein Jahr


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    oder zwei das Retorsions-Recht ausübe, daß nämlich das Bücher-Brandcatastergeld nachgezahlt werde, und Sie noch gedeckt werden. Mehr können wir nicht thun! hoffen aber mit Gott, daß die Bücher-Assecuranz, wo moglich, nicht zu Stande komme — sondern was Besseres, Sie werden wohl fühlen, was? Die Beweise von Cultur sind Gesetze!
    Noch müssen wir Ihnen melden, daß Ihr Commis, Herr Mahner, durchgegangen ist mit einigen für Ihre Rechnung eincassirten Geldern. Wahrscheinlich haben Sie ihn nur seines, gleich überall ansprechenden Namens wegen gesandt: Ihre Reste einzutreiben! In nächster Jubilate werden Sie erst berechnen können, wie viel er in seine Tasche gemahnt. Von hier wollte er nach Nürnberg, und ward ganz roth bei der Rede, als wir nach Ihrem Maler alldort, dem Herrn Lelisa, frugen.

    Dagegen freuen wir uns herzlich auf ein vergnügteres Gespräch mit Ihnen in Rudolphs Garten! Bis dahin zeichnen wir mit aller Achtung“ — —

    „Mit aller Achtung“ — ein bitteres Wort! seufzte Schreckhorn; „die Herren geben den Vater verloren, und wahrlich, nichts wahrscheinlicher, als daß ihm auch sein „Deutschland“ nachgedruckt und die Bilder lithographier werden! Und jetzt 6,000 Krebse statt 6000 so ängstlich-nöthig gebrauchter Ducaten!


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    Wann kann er nun dort den Bruder Bock aus dem Hause stoßen! —“
    „Und daß Mahner mit dem ermahnten Gelde sich unsichtbar gemacht! Und der Vater würde ihn auf keinen Fall öffentlich verfolgen; denn er denkt gewiß auch hier: „Jeder Mensch kann sich bessern, und ich hätte ihn dann auf Zeitlebens ins Unglück gestürzt! Werde aus dem Vater, was da wolle, der rechtschaffene Mann wird er bleiben! und gehe es wie es gehe — er geht den Weg in den Himmel. Das hält mich!“ „Liebe Hilda,“ sprach Schreckhorn, „hier ist noch ein Brief — der wichtigste, denn der Vater hat ihn zuerst beantworten wollen. Ah, vom großherzigen Freigang!“ —
    Und nun lasen sie beide den      Brief vom Schriftsteller:


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