Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Der Brief vom Maler

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    „Weichbild Nürnberg den — 182 — 

    Großmächtigster Herr Warnkönig!

    Indem die Lerchen es schon wagen, wahrscheinlich noch mit einiger Verzweiflung, in hoher Luft zu singen, hab' ich es auch gewagt mit meinem Leinwandschirm um die Stadt zu hocken und zu malen. Mein kleiner Junge, der vom Vater nicht weicht, sieht ganz blau vor Kälte aus, und wenn ich ihn nicht immer in das neue Grün ausschickte: mir Märzblümchen und Gänseblümchen


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    zu holen — um ihn zu erwärmen, so säße er auch zu Hause bei seiner frostigen Frau Mama, meinem Italienischen Weibe und lieber Gemma aus Olevano, die mir — wie sie sagt und wie sie meint — nach Sibirien gefolgt ist, wie ihr das schöne Frankenland vorkommt. Indeß wessen Sie selbst, daß weder die Russen, noch die Kälte die Franzosen aus dem Felde geschlagen, wenn sie genug zu essen und noch mehr zu trinken gehabt. Ihr Vorschuß ist abverdient durch die letzten 12 Blätter für Ihr „Deutschland in Bildern“ und auch ich muß das Feld räumen, wenn Sie mir nicht einen Wagen Wein und Speisen in effigie schicken, etwa in Bildern aus Ducaten ober Thalern! Wer in Italien lange gelebt hat, dem kommt Deutschland — wenn er nicht seinen Wein trinken kann — fast unausstehlich vor. Da ich nun mein Vaterland sehr liebe, so sorgen Sie gütigst dafür, daß ich es recht lieb habe! Wenn ich meine Gemma länger mit Bier muß erquicken, so läuft sie mir wirklich fort, ins Weinland, in ihre elende Hütte — aber unter heiligem, warmen Sonnenschein. Ihr Commis, Herr Mahner, hat mich besucht, und klimperte in Gelde, ja Golde, denn der Klang war fein; gab aber keins, wie Sie mich doch auf ihn vertröstet! Meiner Gemma schenkte er zwar einen schönen warmen Shawl, und da jeder Mann ein Narr ist, der Geschenke an seine Frau nicht gleich vor ihren Augen zerreißt, verdirbt oder zertrümmert, nach dem sie es fähig sind, so hätte ich den Lappen auch gleich


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    zerrissen, wenn sie nicht gefroren wie in Lappland. Eine andere Handlung hat mich auch schon verführen und gegen das zehnte Gebot zu handeln einladen wollen — „Du sollst nicht begehren eines Andern Maler und sein leinwandnes Haus“ aber Sie wissen, die Schweizer dienen aller Welt treu — so lange man sie pünctlich bezahlt. Ich werde Ihnen also richtig meine 12 veraccordirten Städte mit allen darin, daran und darum klebenden Merkwürdigkeiten so treu liefern, als wenn ich für den alten „Herrn von Pausanias“ Griechenland abkonterfeite. Nur vergessen Sie nicht Mosen und die Propheten, auf welche ich sehnlich schon lange — vergebens harre! Meine Pelzstiefeln sind noch nicht bezahlt. Und ich bin nicht erhabener Künstler, Taschenspieler und Voltigeur genug — um mich über Schulden hinwegzusetzen! Wo man lange sitzt, muß man endlich bezahlen, wenn ich auch keiner Auspfändung fähig bin — denn Weib, Kind und Mappe, das ist mein ganzer Reichthum. A propos! mir hat da ein reisender sehr verständiger Herr Professor gesagt, der zum Albrecht-Dürers-Feste hier war —: Ihre Speculation sei mehr auf die Nachwelt gemacht, und die Gegenwart solle das bezahlen, was einst Jener unschätzbar sein werde; jetzt hahen Alle, oder wer es wolle, die Originale vor Augen — und lasse die Nachwelt sorgen und suchen, was von der Zeit ihr übrig bleiben werde, wie Brocken von einem entsetzlichen Gastmahl! — Sie sehen, wie wenig ich aus andern Gründen,



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    als unserm Accord, Ihre lieben Ducaten wünsche, hoffe, brauche, verdiene, fordre, ja einklagen müßte — wovor mich Gott bewahre. Aber Gemma steht auf dem Spiel! Aus des Lebens Kleinigkeiten mach' ich mir gar nichts, als da sind Hunger und Kummer, Kritik, Nachrede, Lob, Tadel, selber aus dem Leben Nichts! Aber — aber aus den wenigen Gütern, die es allein zu Leben machen und nicht ganz zu verachten, daß man hier ist, aus Ehre, Gesundheit, Liebe und Treue mach' ich mir Alles, ja furchtbar viel, daß ich es Niemanden rathe, die Hand daran zu legen. Denn dann höre ich auf ein Mensch zu sein, und bin wieder der Geist, aus dem die Menschen hervorgehn. Lassen Sie mich also gefälligst und accordmäßig ein Mensch sein durch lumpige 100 Ducaten!

    Der ich hochachtungsvoll mich untermale als       

             Meines großmächtigsten Herrn Warnkönigs

      bedürftiger Unterthan:

    A.Lelisa“





    „Ach, mein Gott,“ sagte Hilda, „das Unternehmen des Vaters war zu groß und über seine Kräfte, und nur durch einen Verein aller Buchhändler in Deutschland ausführbar. Zu solchen Gesammt-Unternehmungen ist es aber im lieben Vaterlande noch nicht Zeit!
    Jeder hockt nur so einzeln herum und tappt nach dem Nächsten im Tage und in der Zeit. — —
    Der zweite, schon ältere Brief aber, den Schreckhorn schweigend zur Hand nahm, war der       Brief vom Commissions-Lager:


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