Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Bestürmung

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    Herr Warnkönig hatte geschrieben — wahrscheinlich die Antwort auf einen der Briefe — aber von innern Empfindungen übermannt, die Augen geschlossen, sich rückwärts gelehnt; und so saß er blaß, reglos, die ausgestreckte Hand mit der Feder steif, auf dem Rande des Pultes; 


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    doch unter den Augenliedern hervorgeschlichne Thränen standen ihm in den Falten der bleichen Wangen. So fand ihn Hilda. Sie fühlte mit bebender Hand seine Stirn — sie war kalt; sie schrie — wie sie meinte, aber die Kehle war ihr vom Andrang des Blutes wie zugeschnürt, und Schreckhorn und Elendshaut vernahmen nur ein heiseres Aechzen. Aber sie sahen doch, und sprangen mit hinzu. „Er ist todt!“ sprach Hilda leise mit Händeringen. Da schlug der Vater aber die Augen auf, ohne sich weiter zu regen, lächelte sie an und sprach: „Wohl mir, wenn ich's wäre! Aber noch Bitterers steht mir bevor, als zu sterben, und nach dem Elend allen dann doch noch der Tod, aber, so Gott will, ein seliger Tod. Ueber den Brief müßte sich wohl einem andern als mir das Herz im Leibe umkehren! Und die Antwort, die Wahrheit, die ich nur darauf erwiedern kann, sie brach mir die Kraft. Leben, wissen, sehen, hören, denken, sich einbilden, fürchten — das Alles ist Nichts, und hat keine rechte Wirkung; aber schreiben, aussprechen, geschrieben sehen, wie es uns geht, das ist ein Andres! O meine Tochter. —“ Und nun schloß er wieder die Augen wie vor, und saß so, nur daß er jetzt ihre Hand hielt, als das Einzige, was er auf Erden noch gern 'empsinde — ihre Nähe und ihre Liebe. Und so widerstand er nicht, als sie ihn bat, hinaus in ihr Zimmer zu kommen; er sprang auf, er ergriff die Briefe, er wollte gehen, aber die Füße zitterten ihm und er wankte; und als sie ihn dann führten,


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    lächelte er darüber wie über eine nun endlich auch ihm gekommene, neue Erscheinung in seinem so weit vorgerückten Erdenleben, sah sich im Laden um, als werde er ihn nicht wieder betreten, und sprach aus verborgenem Sinn nur die Worte: „Gott sei Dank!“ — Vater Veit aber sah herüber, und zischelte leise zu seinem Collegen: „Es werben heut zu Tage so viel Comödien gespielt, fast in allen Häusern! Alle Tage, die Gott läßt werden, und ganz aus freien Stücken oder aus dem sogenannten Wegstreif oder Stegreif, daß die ganze Stadt ein wahres Theater ist. Denn die Kunst soll Leben werden — steht hier. Daher gehen sie so wenig mehr in das sogenannte Theater, wo sie nur sehen, wie sie zu Hause sind und nicht sein wollen. Leute spielen jetzt überall, denen man es gar nicht zugetraut, Bruder Bock! Und so natürlich, wie vielleicht unser Herr Warnkönig! Verstehst du mich — unser! Darum geh mit, Bruder Bock! Du hast das Recht! Verstehst du mich. Ich heiße darum Vater Veit.“ — — Und so begleitete Bruder Bock denn unwillig seinen Herrn Warnkönig, wie einen aus irgend einer List verstellten Kranken, mit hinauf, und setzte sich in Hildas lieblichem Zimmer gleich an die Thür, an den Ofen. Herr Warnkönig aber setzte sich heute an seiner Tochter englisches Pianoforte von Sebastian Erard, und spielte, schlecht genug und noch oft sich vergreifend, aber mit rührendem Ausdruck auf dem Monochordzug


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    das Lied: „Wer nur den lieben Gott läßt walten.“  Hilda konnte es nicht lange anhören, und bat den Vater sanft um Mittheilung dessen, was ihm das Herz bedrücke, indem sie noch einen andern Vers anführten „Weg hast du allerwegen, an Mitteln fehlt dir's nicht!" Und so gab er der Tochter und dem Freunde Schreckhorn die Briefe, welche damit an das Fenster traten und lasen, während er leise wie vor, bloß die Melodie zu dem Jubelgedicht an C. Tauchnitz spielte:

    „Heil unsrer Kunst! — Laß ihre Feinde wüthen;
    Sie trieb allein zur Frucht der Menschheit Blüthen
    Und grub des Himmels Wort in Eisen ein;
    Wagt oft auch Lügengeist mit ihr zu scherzen
    Und spielt der Wahrheit Kraft aus Menschenherzen,
    Wo Menschen schweigen, zeugt noch Erz und Stein.“