Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Der rechte Kunde


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    Ein Herr, und der höfliche gelbe Herr Briefträger Schellack wollten zuleich in den Laden. Der junge fremde Herr war aber noch höflicher, als der Briefträger, der zuerst hinein mußte, und zwei Briefe an Herrn Warnkönig brachte, nicht frankirt, also Berechtigte, von Bestellern oder Mahnern. Herr Warnkönig suchte das Porto aus dem kleinen geflochtenen Schwingchen zusammen, mochte die Hand kennen und las sogleich.
    Der sehr angenehme schüchterne Fremde aber bat um ein Buch. Er hatte wohl Ursachen, verlegen zu sein, nicht seiner einnehmenden Gesichtsbildung und Gestalt wegen, nicht der Gutmüthigkeit und Ehrlichkeit willen, die in seinen Zügen lag, ja so jung er war, sich ihnen schon eingeprägt hatte und aus seinen mildblickenden Augen sprach; sondern er war so furchtsam und preßte die Lippen zusammen, weil er wußte, daß er Maria Mauskopf hieß, und sein Vater: Joseph Mauskopf und Compagnie, ein probater und privilegirter Nachdrucker war, dem er als Sohn Gehorsam leistete bis zum heimlichen Erschleichen noch nicht ausgegebener Werke, inclusive, und zur Besichtigung und zum Ankauf sogenannter Furor-Bücher und Huckepackträger, die dem Verleger zehn Faule oder Lahme mit übertragen. — „Wenn man nun hier meine Absicht wüßte,“ dachte er, „so würden mich die zwei Männer mit Seitengewehren, so alt und schwach sie sind, leicht greifen und binden, denn ich könnte nicht widerstehen


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    vor Schwäche, die das Unrecht giebt, und vor Schaam! Ja ich ließe mir von dem Engel in Mädchengestalt — der mir das Buch holt — alle Haare ausreißen, und mich mit den holden Füßchen treten, die dort auf der Leiter stehen! Aber das würden sie nicht, denn ihre Eigenthümerin ist gar so herzig und lieb! Aber der alte Spießbürger macht wohl etwas in dem kleinen blechernen Zugofen heiß? vielleicht gar ein Eisen, um mir ein Mahl auf die Stirn zu brennen! — Ach, nein! der ehrliche alte Magen macht sich nur Bähschnitte! Und vielleicht, wahrscheinlich, gewiß sitzen beide nur hier als Wechselwache, weil mein Herr Vater . . . . ach! — vielleicht fällt der alte Warnkönig gar, der dort mit feuchten Augen sitzt, weil ich ihm wieder ein Buch abkaufe, das mein Herr Vater . . . . ach! — und wie freundlich und gar so gefällig kommt nun die liebe Tochter und liefert mir ihres Vaters Nagel zum Sarge aus! Aber Gott segne meine Frau Mutter im Grabe, daß sie mir eignes Vermögen hinterlassen! Und wenn ich ein freier Mann bin, will ich ein ehrlicher Mann sein!“ — Das versprach er sich selbst, denn er machte die Finger der rechten Hand zu, und drückte sie mit viermaligem leisen Schütteln.
    Durch diesen Entschluß gestärkt, hatte er nun Muth, Hilda recht freundlich anzusehen. Aber o Himmel, welch ein Mädchen! Er hielt vor Erstaunen die Hand auf dem Buche; und sie hielt die Hand auf dem Buche, als gebe es nun für sie


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    in der Welt weiter kein Geschäft, als seinetwegen da zu sein, und ihm Freude zu machen, wie ihm ihr Anblick denn unverkennbar reine himmlische Freude machte. Ihr Herz schlug ruhig, wie seines; sie empfand sich nur noch als Auge, Seele; und in Auge und Seele nur als er. Er nur, als Sie. Ihr Leben schien aus, und es sollte doch erst angehen, und beide schienen doch noch etwas zu erwarten, wozu sie selbst nichts mehr beitragen, was sie selbst nicht herbeischaffen, nicht herzaubern konnten — die Entfaltung des Lebens, die Bewährung der Liebe! Mehr bedurften sie nicht, aber das war viel, sehr viel! Die Natur konnte es nur erwirken durch alle ihre Mächte; und wenn auch für Tausende, doch für sie eben so gut, als wirke sie es für sie allein. Es war viel. Denn deswegen waren sie schon gekommen, nämlich: auf die Erde — und daß sie sich hier im Buchladen fanden — das wußten sie nicht. Aber Schreckhorn sah es, und sprach in seiner Seele: „eine Verliebung im Buchladen! Aber — auch der Buchladen ist auf der Erde, in der Welt, und ein recht heiliger Ort, weil da viele alte und junge Geister umher unsichtbar gegenwärtig sind, keine gemeinen Gratulanten, die ein bloßes kurzes Neujahr wünschen, sondern ein langes glückseliges Jahrhundert — ohne Nachdruck! —“
    Alle Herzensergießungen haben — trotz ihrer Beschlossenheit und ihres gleichsam


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    Außerweltischen — ihres Befremdlichen und ihrer Einseitigkeit wegen für den Erfahrenen immer etwas Lächerliches, Beschämendes an sich; und so beugte sich Schreckhom auch lächelnd mit dem Gesicht näher auf den Titel des Werkes, das vor ihnen lag. Das Paar, wie aus einem seligen Traume erwacht, zog die Hände davon, und schaamroth neigte sich nun auch der junge Maria, und murmelte die großgedruckte Schrift des Titels „Deutschland in Bildern.“ Aber was darunter gedruckt stand, überraschte, ja erschreckte ihn so, daß er auffuhr und Schreckhom wie aus den Wolken gefallen ansah. Dann bückte er sich wieder, und las den, unter des Verlegers (Warnkönig) Namen, Ort und der Jahrzahl stehenden kurzen, mit Goldschrift gedruckten Contract: „Verkauft, unter der Bedingung es nicht nachzudrucken.“
     „Diesen Kaufcontract sollte eigentlich jeder Verleger auf jedes Werk drucken,“ bemerkte Schreckhom; „stillschweigend versteht er sich von selbst bei allen ehrlichen Käufern; aber warum nicht bei den hart- oder taub-gewissigen grade bedingen, wozu man ein Recht hat, ein sauerbezahltes, noch immer gefährliches Recht! Herr ich weiß ihren geehrten Namen nicht!“ — In der größten Verlegenheit vor innerer überwallender Ehrlichkeit wollte Herr Maria das Werk zurückschieben. Aber er besann sich, daß er sich dadurch verrathen würde, zögerte aber doch, den Ducaten dafür zu bezahlen, der ihm vielleicht tausend einbringen sollte. Davor fürchtete er sich. Nach dem Gelde aber hatte er den blauen Oberrock und den schwarzen Frack aufgeknöpft,


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    und Elendshaut spürte mit der Nase, als ob des Fremden gute, wahrscheinlich erst heut ausgepackte Kleider mit nach Assa röchen — also wohl gestern zugleich mit die Räucherung erhalten? und winkte Schreckhorn mit den Augen, dem es nun auch so vorkam, und der darum nur etwas gespannt sich vernehmen ließ: „Nicht wahr, sehr lieber junger Mann, es giebt ein geistiges Eigenthum, um das Beispiel nicht weit zu holen — in der Liebe; und ohne dieß fiele die Welt aus einander, oder käme gar nicht erst zusammen! So giebt es dasselbe in der Kunst und Wissenschaft — „ach, was ich weiß kann Jeder wissen — mein Herz hab' ich allein!“ sagte der, nunmehr gewiß schon 74jährige Werther. Das Herz macht aber den Künstler, und daraus stammt sein Werk. Oder belieben Sie auch ein geistiges Eigenthum zu läugnen — so giebt es ein Leibliches, in das sich das Geistige transsubstanziirt — die Handschrift! und ein Recht auf sie, so eigen wie das Recht auf das Leben, und der Schriftsteller kann seine Handschrift verbrennen ...»"
     „Entsetzlich!" schaltete Herr Maria ein;
    „etwa wie Virgil — wollte,“
    „Ah, so!“
    „zum Besten der Blinden verlassen, wie der poetische König, oder verkaufen zu eignem Nutz und Vergnügen, wie etwa Sir Walter —“
    — „Armes Deutschland!“


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    — „oder was das Beweisendste ist — er kann sie gar nicht schreiben!“
    „Sie erschrecken die Welt“
    — „oder doch auswendig in sich behalten, wie der Diktator Delille, der ein ambulanter Schatz für jeden Verleger war. Kurz, ich meine von dem, noch nicht auf Autor und Verleger vollständig angewandten vortrefflichsten Preuß. Landrecht, die Stellen: „Zum vollen Eigenthume gehört das Recht, die Sache zu besitzen, zu gebrauchen und sich derselben zu begeben.“ Sein Recht aber tritt der Schriftsteller ab, auf beliebige Bedingung und Zeit, und „die Abtretung der Rechte setzt einen Vertrag voraus, wodurch Jemand (der Autor) sich verpflichtet, einem Andern das Eigenthum seines Rechtes gegen eine bestimmte Vergeltung zu überlassen.“ Nun aber sagen Sie, gewiß edler junger Mann, kauft ein Narr das Recht?“

    „Ich meine nicht!“ meinte der junge Herr Maria; sondern ein Buchhändler kauft es! und diese müssen heut zu Tag so Welt, und Lauf der Welt politische Umstände und Meinungen, Sprachen und Wissenschaften kennen, daß mir davor graust, bald selbst — —“
    „Würden Sie also wohl, allerliebster Herr, ein meist sehr übel gemaltes Manuseript — denn: Doctimale pingunt — etwa die Lammermoor für 10,000 Pfund Sterling kaufen, wenn Sie nicht das Recht damit kauften, 10,000 Lammermoore daraus zu Machen? Sagen Sie, Edelster!“


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    „Ich nicht einmal ein gedrucktes Buch mit Bildern, wie dieß hier; mein' ich!“ — meinte der junge Maria wieder.
    „Mein Gott, bat Hilda Herm Schreckhorn, „quälen Sie doch den Herrn nicht, der wie auf Nadeln steht! — Gewiß Sie haben noch viele Geschäfte! — Der Herr wird gewiß meinem Vater und Niemandem ein Buch nachdrucken!“
    „Ich? — ich gewiß nicht!“ versicherte dieser, und sein Herz benutzte die schöne Gelegenheit, der schönen Hilda zum Gelöbniß darüber gleichsam — die Hand zu reichen, aber sie versagte ihm schaamhaft die ihre.
    Und ruhiger fuhr daher Schreckhorn fort: „Liebe Warnprinzessin! ich wollte nur die goldene Schrift aus Ihres Herrn Vaters Verlag rechtfertigen durch die Erklärung. Sie sehn, sie macht Eindruck! Denn noch ein Wort steht da: „wer nur die Proprietät ohne das Nutzungsrecht hat, wird Eigner genannt“ und das nur sind alle Käufer von Büchern, und dieses ihr, mit einem Pappenstiele bezahlte „Recht, über die Substanz der Sache zu verfügen, wird Proprietät genannt.“ „Einschränkungen des Eigenthums müssen also durch Natur, Gesetze oder Willenserklärung bestimmt sein“ — und unser lieber Herr hält einen Buchhändler, wie wir hörten, für viel zu solid, als daß er sein Buch, das nachgedruckt werden sollte — wie hier „Deutschland in Bildern" für zwei Ducaten hinfahren lassen sollte, das ihm 12,000 kostet. — Ein Kluger hält Andere auch für klug, nicht wahr? Und Sie gewiß!“


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    „Von für dumm halten, oder von selber nur dumm sein, ist wohl keine Rede,“ entgegnete dieser, fast Thränen in den Augen.
    Hilda bat mit der sanften Gewalt ihrer Augen Herrn Schreckhorn aufzuhören, aber er lachelte nur den Fremden an, der innerlich zitterte, weil — sein eigener Vater schlecht war, wenn er nicht nur dumm war! Und das Buch unter den Arm nehmend, und sich zum Scheiden bereitend, sprach er nun selbst: „Ich — ich sehe es ein: der Verleger — als etwa in diesem Falle, Herr Warnkönig, besitzt selbst nur Cession auf Zeit von dem Schriftsteller, und vom Verleger besitzt der Käufer, als Eigner nur: Proprietät, Haus- und Verstandes-Gebrauch des Buches — der Nachdrucker dieses Buches ist also noch immer ein Schriftstehler, nicht ein bloßer Nachdrucker.“ — Er that einen Blick auf den alten Herrn Warnkönig und sagte höchst erregt zu Hilda: „o, Maria und Joseph! was ist denn Ihrem Herrn Vater? — Leben Sie wohl! Wir sehen uns wieder! Gewiß, gewiß!“
    Und angstvoll schied er mit Hast.