Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt

bullet1 Hilda


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    Seine Tochter, Hilda, kam jetzt, wie eine Geistererscheinung, da sie der Mutter sehr ähnlich sahe, und grade in den Jahren der Jugend und der Fülle stand, wie der Vater einst ihre Mutter gefunden; sie kam aber auch als ein stiller Vorwurf für ihn, daß er nicht Alles verloren, nein, daß ihm eine unschätzbare Gabe der Natur geblieben, die ihn überdauern werde und lieben, bis er die Augen schließe, und dann noch ihr langes treues Leben lang, bis ihr die schönen blauen Augen selbst zufielen von dem heiligen Schlaf, den die Sonne macht. Das Herz des armen Mannes durchrieselte auch ein Gefühl des ewigen Lebens, des immer neuen Aufblühens verjüngter Gebilde aus den frühern Gebilden — als wenn, die Eine Gestalt immer fort lebte auf Erden. Denn damals war seine Tochter nicht zu sehen gewesen; jetzt war die Mutter verschwunden, und ihre Tochter stand an ihrer Statt, ja als sie selbst und wie sie selbst, sichtbar vor seinen feuchten Augen. Er reichte ihr die Hand hin, sie ihm; und so drückten sie einander, und lächelten sich freundlich und tröstlich an. Hilda aber setzte die Flasche Wein auf den Tisch, und den Teller mit Schinken und Brod aus dem saubern Schürzchen. Der Vater sahe sie darüber an, als wenn seine Casse jetzt solche Ausgaben nicht mehr erlaube; sie aber winkte mit. den Augen hinüber nach Vater Veit nebst dem Bruder Bock, und der alte Warnkönig schlug die Augen zu Boden.
    Herr Schreckhorn brachte es, trotz seiner sonst wie unverwüstlichen Laune, heute kaum zu dem gewöhnlichen Gruße an Hilda: „Guten Morgen, liebe Warnprinzessin!“ Aber die ganze Lage seines alten Freundes und dessen


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    Tochter bedenkend, und was nach den möglichen, ja wahrscheinlichen Folgen aus ihm und aus ihr werden sollte, sprach er nun ihnen zum Troste: „Indeß ist heute Nacht ein stupender Schwank geschehen , der noch weiter erschallen wird.“
    „Ein Schwank?“ frug Herr Warnkönig, wie abweisend.
    „Lassen Sie den sich gefallen!“ fuhr Schreckhorn fort. „Es ist doch eine Herzstärkung, wenn auch Sie von Rache gewiß nichts hören wollen. Drunten in unserem Hause wohnt der fast mit lauter neuen Büchern handelnde Herr Antiquar — Cicero genannt; und weil ihn der ewige Setzer aus dem größten Alphabet genommen, aus den Anfangsbuchstaben der Menschheit, und besonders weil dieser Cicero ein Bein gebrochen auf unrechten Wegen, so ist er zubenannt: CiceroFractur, und handelt mit Nachdruck. Im mittelsten Stock wohnt ein extra - ordentlicher Professor der Witterungskunde, Weinbrauerei und Heuzuckermacherkunst, der gern nicht so wenig Bücher hätte, aber nicht viel Geld darauf wenden darf, weil die ertraordinaire Frau Professorin es ihm nicht erlaubt, da sie spricht: „besser, Du wirst mir nicht zu gescheid, und die Kinder haben einmal etwas! Was gilt weniger als ein altes Buch? Antworte!“ — Er aber antwortete Nichts, und kauft also, Noth- oder Frau-gedrungen — denn die Frau ist seine größte Noth — er kauft also Nachdruck und bezahlt ihn ehrlich. — Wenn einmal die lieben Engel vom Himmel hernieder steigen,


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    dann wohn' ich am nächsten für sie, und im ersten Stocke — bis dahin aber im Obersten, der den müden Knien zum Ehrentrost, diesen vornehmen Namen hat. Ich habe nun meine zahllose, in Auctionen mit müden Beinen erstandene Bibliothek, den Hub aller Auctionen, auf dem Boden, dem man es gar nicht ansehen sollte, wie viel er Bücher faßt; denn Sie wissen, geduldiger Schaafe gehen viel in einen Stall; Ungeduldiger aber noch mehr, denn die hocken über einander. Unter meinen Büchern ist aber kein Nachdruck, (im ersten und zweiten Stock ausgenommen) denn ich mag kein Helfershelfer der Diebe sein, noch gestohlen Gut hehlen; und da die meisten Menschen sehr ehrliche Leute sind, wenn sie öffentlich und erwiesen etwas stehlen und hehlen sollten, so wünschte ich nichts, als die Nachdrucker würden bloß gezwungen auf ihre edlen Werke zu setzen: „Nachdruck.“ — Nach dem Gesagten nun mögen Sie selbst ermessen, ob das eclatante, sogenannte „kalte Feuerwerk“ und der Fackelzug der Herrn Buchdruckerjungen mir gegolten, da sie einen Wagen voll Ballen Nachdrucks noch gestern spät Abends ausgespürt, der heut früh morgens abgeladen werden sollte, und vor der Ladenthür stand . . .“
    „Da ist mein Herr Elendshaut vom Harze gewiß dabei, wenn nicht gar an der Spitze gewesen, hircus dux pecoris Er soll kommen!“ sprach Warnkönig.


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    Schreckhorn ging ihn zu holen, aber er brachte die Antwort: „Elendshaut schläft, zwar in den Kleidern, aber nicht zu ermuntern. Da nun grade indessen der Drucker, Herr Quietsch, gekommen und sich Auskunft beim Herrn geholt, so brachte dieser endlich den jungen Elendshaut, noch halb trunken und schlaftrunken; aber ganz beraucht und schwarz im Gesicht, vor den Herrn, und derselbe bekam nun Ordre, das Geschäft zu erzählen. Und von Eifer und Haß noch ganz. im Harnisch, brachte er nur in abgerissenen Sätzen heraus, daß ihre rechtschaffene Gilde dem Antiquar, Herrn Cicero-Fractur, der neue, sogar erst künftige Bücher im voraus nachgedruckt oder vorgedruckt verkauft, und dem extra- ordinairen Professor ein ironisches Vivat gebracht. Mit Rauchpfannen und Fackeln seien sie — auf hohe Anzeige — hingezogen, aber die Rauchpfannen seien mit Assa foetida gewürzt gewesen, die Fackeln aber mit dem übelberüchtigten Bernsteinöl getränkt und mit penetranter höllischer Schwefelleber gespickt, daß ihm noch ganz die Ohnmacht anhänge. Aber die zum Feuerwerk exercirten Mund-Raqueten, die Schwärmer und Leuchtkugeln seien, von 200 Zungen und 400 Lippen dargestellt, täuschend ausgefallen, und besonders die bewundernden Ah! — Ah! — Ah! die aus die gestiegenen, Camphorsternchen sprühenden Raqueten gefolgt. — Weil die Studenten nichts mehr dürfen, als studiren, so ist die ganze Jugend, besonders aber Wir, die Herren Jungen, zu den


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    abgelegten Studenten, geworden, die künftig die Welt sollen salzen!“ 
    Und durch seine eigenen Worte begeistert, sang er nun gar, nach der Melodie das gaudeamus igitur, das gestern bei der Retirade gesungene:


    Studentenlied.       

    Wir sind die Fässer für den Most
    Des neugefüllten Lebens :,:
    Und gährt er nicht in Uns recht klar,
    So bleibt die Welt dann offenbar
    Ein tausendköpf'ger Esel:,:

    Und schlägt man gar die Fässer ein,
    Dann wird die Welt zum Fasse! :,:
    Das ist der Nutz von Zwing und Zwang,
    Die Welt halt fest an Sing und Sang,
    Der tausendköpf'ge Esel! :,:


    Der alte Herr war über den Vorfall in seine eigenen Gedanken tief versunken, und da er erst jetzt dadurch aufwachte, daß Bruder Bock mit in die Schlußstrophe einstimmte, und Vater Veit mit vollem Munde doch dazu brummte, so gebot er seinem Herrn Elendshaut Stillschweigen, und verhieß ihm nachträgliche gnügliche Strafe. Doch Schreckhorn bat für die ehrliche, recht und gerecht fühlende Jugend, und sprach: „Zürnen Sie nicht, lieber Herr Warnkönig! Alles Wahre und alles Junge kommt, wie Kinder, immer etwas unförmlich mit großem Kopfe und großen Augen zur Welt


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    — der Kopf ändert sich wenig, die Augen treten hervor, und nur die übrigen Glieder wachsen, bis das Verhältniß sich richtig verhält! Freuen Sie sich lieber! Denn wenn ein Unrecht so öffentlich aufgethan wird, wenn die Gerechtigkeit in die Herren Jungen fährt, und es ein zwanzig Jahr lang von selber doch gar nicht will besser werden — dann dürfen wir hoffen, das endlich ein Gesetz daraus wird — verlassen Sie sich auf mein Wort!“ — und damit reichte er dem Herrn Jungen sein volles Glas Wein.
    „Herr Schreckhorn!“ sprach dieser ermuthigt, „den besten Spaß aber haben wir von den Engländern gelernt, denn alle Bücher von über der See riechen nach Steinkohlen; wir — haben den Nachdruck tüchtig mit Assa geräuchert, daß der Wagen bald brannte, und jedes nachgedruckte Buch riecht heilig nach dem, von wannen er stammt — nach dem Teufel! Ohne den gäbs keinen Bock und Veit hier in unseres Herren Laden. Herr, das wurmt! Aber heute muß alles heraus! Der Setzer verkauft auch die gesammelten Aushängebogen, wohl 30 Exemplare von jedem Werke, und eh's noch herauskommt, daher können denn Andre wohl schleudern, denen Rechnung versagt werden sollte! Daher sind unsetes Herrn „Leiden der Zeit“ eher als Nachdruck erschienen, als Er einen Groschen dafür gesehen! Herr, das wurmt! Ich bin eine ehrliche Haut, und das Elend hat der Herr! Erst gestern kam heimlich ein Herr . . .“


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