Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Die alte Muse


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Da klingelte die Ladenthür, und herein trat eine sogenannte alte Muse, der zwanzig Jahr schon studidirende Student, Herr Schreckhorn. Demohngeachtet war der Zug für Zug bildhübsche, junge Mann höchstens erst 36 Iahr alt, und nicht nur nach den Begriffen der alten Römer von jungen Römern, noch, 4 Jahr lang bis in sein Vierzigstes: ein Jüngling, sondern selbst nach den heutigen Begriffen eines heutigen jungen Mädchens. Als ein Schweizer von Geburt, und zwar als ein Müllerkind, sah er rosenwangig und frisch aus; sein blauer feiner Oberrock verhüllte eine schlanke und doch kernige Gestalt. Sein braunes Auge blickte fest und doch so gutmüthig, ja lächelnd die Menschen an, und wenn er ja etwas Studentenhaftes an sich trug, so waren es halblange braune Locken, die Niemand wegwünschen mochte, wer einmal seine ganze Erscheinung mit ihnen lieb gewonnen. Fehlte ihm dagegen etwas, so war es der Bart; und rührte etwas an ihm, so war es die schöne tiefe Altstimme, welche die Brust der Menschen wie eine Zither anklang, oder, wie die Nachtigall die Kelche der Lilien unsichtbar mit ihrem Gesange durchdringt und ausfüllt, das Ohr des Hörers mit Wohllaut vollgoß, denn, sie erklang aus einer reinen, schuldlosen Brust. Als frühster und einziger Lehrer von Herrn Warnkönigs Tochter Hilda, brachte er jetzt mehren Hefte Musikalien wieder, die er stillschweigend auf den Ladentisch legte. Als Herrn Warnkönigs Corrector im Deutschen und Englischen aber, legte er einige corrigirte Probebogen mit hin, behielt die Hand darauf, und schien etwas auf dem Herzen zu haben, das ihm sehr schwer ward anzubringen.


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„Aber lieber Schreckhorn,“ sprach Herr Warnkönig aufstehend und ihm gegenübertretend, „es ist doch Niemand ganz zuverlässig in der Welt, sogar Sie nicht!“
„Freilich nicht! Es thut mir sehr leid, aber wissen denn Sie schon! daß ich morgen . . .“
„Ich weiß, daß ich einen sehr anzüglichen Brief ans hoher achtbarer Hand erhalten, die mich Ihrentwegen nun schlägt, bloßer ärgerlicher Druckfehler willen; die Sie stehen lassen... als Kesebibliothek statt Lesebibliothek, womit sich ein armer Teufel seinem Städtchen empfohlen, der durch den schlechten Witz nun wahrscheinlich nicht aufkommt vor seinem Neben-Lesebiliothekhalter —“
 — „der wahrscheinlich dem Setzer einen Louisd'or für das leicht aus dem Nebenkästchen zu langende „K" spendirt," meinte Schreckhorn.
„Schlimmer ist schon das verkehrte kleine „n", das aus Sängerin nun eine Säugerin gemacht, und die beliebte deutsche Mamsell in Paris oder London getroffen.“
„Mein Gott!“ bedauerte Schreckhorn. „Welcher Corrector vermuthet solche Fehler in solchen gemeinen Wörtern!“
„Wäre der Setzer nicht halbcontract an der Rechten, von Setzen so vieler Millionen kalter Bleibuchstaben, wahrhaftig — und sollte ich morgen schließen, ich jagte ihn heute noch fort; denn Schmutz des Ministers,


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statt Schutz zu setzen! Das „m" fällt am Ende auf mich und ich verwinde es nicht; denn grade Er soll uns in seinem Lande dort vor Nachdruck schützen! Denn, daß Sie nur Eins erfahren: mir ist das sechsbändige Werk „Die Leiden der Zeit" nachgedruckt! Hier ist der Brief! Statt Geld werden vielleicht heut die hundert Schock Krebse mit Lagerkosten, Fracht u. s. w. hier in den Buchladen einkriechen!“
Da eben Bruder Bock mit dem Wachsstock zurück kam, und Schreckhorn, der seit Freitag nicht bei Herrn Warnkönig gewesen, den Mann mit Seitengewehr erblickte, und nun erst den alten Vater Veit desgleichen gewahrte, frug er mit den Augen und vor Schreck erhobener Hand, was die Männer bedeuteten? Und eben so still schrieb Herr Warnkönig mit Kreide auf die Tafel:

„Wechselarrest!“

und als er meinte, daß Schreckhorn das schreckliche Wort gelesen, verwischte er es schnell mit dem Schwämmchen. Darauf standen die beiden Freunde lange still, und sahen sich ernst und bang in die Augen. Schreckhorn hatte dabei die Lippen geöffnet, Herr Warnkönig aber sie zusammengepreßt. Endlich sprach dieser: „wie oft hält man ein Unglück für ganz unverwindlich — und nach acht Tagen erscheint es uns schon als ein Glück, das wir segnen. Wie gut, daß meine liebe Frau nun todt ist! das verschläft sie nun schon! Aber daß sie aus Furcht davor schlafen gegangen, wie eine Alpenrose vor dem Frost,


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o Freund, das drückt! Denn ihr armes treues, Herz hat Recht gehabt, es hat für mich empfunden, für mich im voraus gelitten, und für mich ist es voraus gebrochen, und doch, vergebens, denn ich leide was gekommen ist, und nun doppelt. Doch ich gönne ihr ihre Ruhe. Nur meine Tochter noch — meine Hilda — die fünf Buchstaben, die mir der ewige Setzer in die Welt und ins Herz gesetzt und gedruckt hat, mit Gold, und nun mit Blut — das arme brave Mädchen, o Freund, das drückt!“
„Nun kann ich es nicht verschweigen, daß ich zu Hause reise," sprach Schreckhorn mit zagender Stimme; „aber Wie soll ich nun scheiden? von Ihnen Abschied nehmen? und Hilda verlassen? Jetzt! Heute! So! . . .“
„Sie wollen fort? und so schnell?“ frug Herr Warnkönig betreten.
„Ich weiß es schon seit Weihnachten,“ entgegnete dieser, „aber ich wollte mir die glückliche Zeit in Ihrem Hause glücklich und rein erhalten bis auf den letzten Augenblick; dann an der Thür, den Hut in der Hand, erst sagen: Lebt wohl! lebt auf immer wohl, ihr guten Menschen, denn ich komme niemals wieder! dann sahet Ihr mich an, die Augen verquollen, das Herz war beklommen, ich war verschwunden — und bald vergessen! So, um Sie und Hilda zu schonen und mich — darum verschwieg ich es!


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Man muß Allem seinen natürlichen Lauf lassen!“ erinnerte Warnkönig. „Sie wollten ein Herbst sein, ein Wintersturm, der plötzlich alle Blumen übelschneit. Wie sanfter und weiser verfährt der wahre Herbst! Wie meldet sich ein kühles Lüftchen erst, schon wenn es noch Sommer scheint, auf dem Stoppelfelde! Wie nimmt der Himmel, gleichsam zum Scherz wie ein Kind, die alte herbstliche Maske nur auf kurze Minuten zuerst an Morgen und Abenden vor — und gleich wieder ab, um die Menschen nicht zu erschrecken; nein, um sie vorzubereiten, daß sie nachher doch auch wissen, welche treue Seele dahinter steckt, wenn er die alle Maske dann lange, lange vorbehält. Selbst der Frühling meldet alle sein Schönes erst mit Einem Blümchen, einem Schneeglöckchen, einem Veilchen — und gleich wieder hinweg! Geschweige nun mit so Schmerzlichem wollten Sie, Sie, uns so plötzlich — erfreuen doch nicht? lieber Schreckhorn!“
„Ich meinte es gut!“ bat dieser; „wie sollte ich auch bisher von Scheiden sprechen, das Wort anregen, da ihre gute Frau — scheiden sollte, und nicht in die Heimath mehr, in die unvergeßliche Schweiz, wie mir Lebenden das Glück zu Theil werden soll. Mein Gott, ich hätte ja mit Abschiedsworten das Alphorn geblasen! den Kuhreigen! —“
„Still doch!“ sprach Warnkönig weich. „Mich friert, als wenn ich wieder die Gletscher und die Lawinen sähe! Ach, jetzt ist mein Weib wirklich verschüttet, aber nicht mit Schnee!


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Ach, ich wünschte, ich könnte mit Ihnen reisen, und mir das schöne junge Mädchen noch einmal aus dem Lawinensturz ausschaufeln!“
Und nach einer Weile, in welcher sich seine vergangenen Tage vor seinen Augen aufthaten, wie ein stiller prachtvoller Bildersaal mit kolossalen Bildern in Rahmen von Gold und Morgen- und Abendroth, fuhr er fort: „Es war ein reizender Morgen! Von einer Geschäftsreise nach Strasburg hatte ich einen Ausflug — zu Fuß in die Schweiz gemacht. Auf der Wanderung aus den Bergen, war ich sehr früh aus dem Dorfe aufgebrochen, worin ich übernachtet. Die Spitzen der Gletscher glommen im Feuer der Morgenröthe, das über den weißen, glänzenden Häuptern der Berge und über den Thälern von jenem unergründlichen Feuer sich entzündet, das älter als alle Urwelt, älter als alle Fabelreiche, nach jeden Morgen wieder sichtbar und unläugbar, da droben saust und waltet. Wie ich meinen Weg an der Erde dahin zog, drang die rosige Fluth, unmerklich rückend, immer tiefer herab, und es ward so blühend und hell, als wenn es die Nacht den reinsten Rosenschnee geschneit. Links meines Weges dahin lag die Bergwand, wie von Göttern geschmiedet, hoch und still, und so lieblich und weiß, als von Feen aus blendender Baumwolle locker aufgethürmt, ja wie für Menschen sichtbar nur hingeträumt — zum Weghauchen!


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In der Senkung der Fläche, grade vor mir, sah ich eine Mühle, und näher zu mir zu, ein Haus, vor welchem ein Wagen hielt, und vier Menschen, zwei Frauen und zwei Manner. Aber über ihnen hing eine mächtige Lawine, eine furchtbare Nase an einer hohen Götterstirn; und es war, als wenn der Kopf eines ungeheueren Memnons, oder der Kopf des Briareus, nur weiß und todt, oder schlafend aus der Erde empor getaucht. „Leichtsinnig, verwogen, ja unglaublich, wenn ich's nicht sahe,“ sprach ich bei mir — „daß Menschen unter dem sichtbar drohenden Tode ruhig fort leben, und einem schnellen Thauwetter, einem Lüftchen, ja einem Sonnenstrahle, dem Ton eines Alphorns, dem Klang einer Glocke, welcher die Luft nur leise erschüttert, ihr Leben vertrauen! Wenn es Noth thut, wollen sie wegziehen, wie die Bewohner der Dörfer am Vesuv und am Aetna oder dem Stromboli. Aber die Lava nimmt einen andern Lauf, oder stockt — und sie bleiben; Vater, Kind und Kindeskind; die Lawine über ihnen verzehrt sich leise, oder sie spaltet, und fällt links und rechts ihrer Hütte — und sie bleiben; Vater, Kind und Kindeskind. Und du, du wagst dich auch, darunter hinweg zu gehn! O Beruhigung der Gewohnheit! O mächtiger Zug des Lebens, nach vor! Ist's doch so still, und die Wolken ruhn; und hör' ich nicht eine Lerche singen? schwebet ein Adler nicht ruhig umher? grünt es nicht schon am Bache? Soll ich einen großen Umweg machen, und die Leute mich auslachen lassen?


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Stehen die Menschen nicht dort, munter und furchtlos, und hör' ich nicht schon ihre Stimmen? —“
„So voll menschlichen Zutrauens, lag ich auf einmal am Boden, platt auf dem Rücken. Mir war gewesen, als wenn mich plötzlich ein Riese vor die Brust schlage und rücklings hinwerfe. Ein Windstoß hatte mich umgerissen, und wie ich mich faßte, hatte ich noch keinen Athem. In dieser Betäubung war der erste Donner des Sturzes der großen Lawine vor mir, über mich hingefahren — jetzt, im Echo hört' ich sie brechen, sausen, anschlagen, sich aufschütten, dröhnen, poltern, plärren und donnern! und das wohl dreimal, viermal gegenüber und umher! — Nun war es still! — Nur Schneestaub flirrte und flimmerte fein und wirbelnd bewegt in der blauen Luft. Ich richtete mich auf, ergriff meinen Hut, der mir weit zurück geweht war von dem heftigen Drucke der Luft, ich sahe auf — die Lawine war verschwunden. Aber auf der Straße lag ein Schneehügel. Pferde, Wagen, Menschen und Haus war begraben! Ich stand vor Erschrecken still, während eine Glocke hinter mir im Dorfe wie zum Begräbniß der Armen erklang. Aber es war der schnelle ängstliche Ruf zur Hülfe! Und während ich nur sehr langsam auf den Schneehügel los schritt, summte es mir verworren nach. Es waren die Männer und Weiber aus dem Dorfe, die hastig heraneilten mit Schaufeln und Hacken. Meine Auskunft, als die des nächsten Augenzeugen war ihnen willkommen.


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So wogten wir hin. Selbst ein kleiner Knabe ohne Mütze schleppte eine Schaufel. Er setzte mit an. Aber ich nahm sie ihm ab, und wir schlugen ein, wo die Klügsten meinten, daß die Straße das Haus berührt, denn die Leute wußten von mir, daß die Bewohner vor dem Hause gestanden und wo. Wir gruben im Schweiß unsres Angesichtes lange, lange. Aber leider, stießen wir erst auf die Feueresse des Hauses, dessen Dach zusammengebrochen war. Um nicht vergeblich solche Arbeit gethan zu haben, und nicht die kostbare Zeit der Rettung zu verlieren, hatte einer den Einfall: durch das Dach hinab in das Haus zu steigen, und von der Hausthür aus einen Grottengang durch den fest zusammengestürzten, Schnee auf die Straße zu brechen, um nicht die Masse von oben zu Tage abräumen zu müssen. Wie aber die Meinungen auch hier getheilt waren, wie bei allen Gefahren, Löschungen und dergleichen, so ließen sich Andre, vor allen die Weiber, nicht nehmen, einen neuen großen Trichter von oben herab auszuschaufeln. Wir drunten, fleißig vor Ort arbeitend, hörten endlich mit unaussprechlicher Freude — die Pferde schnaufen! Der nun verdoppelte Eifer aber ließ uns weniger vorsichtig sein, und Eile that Noth! Wie ich die Schauftlheftig vorstoße — hör' ich einen Schrei, dumpf und gedämpft und schwach, aber gräßlich! Ich bin außer mir, ich knie hin, ich raffe mit den Händen weg, und entblöße eine Hand, deren weiße erstarrte Finger nach Rettung griffen: ich entblöße einen kalten, weißen vollen Mädchenarm!


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Dann Kopf, Schulter — das ganze schöne Mädchen, noch lebend, athmend, aber im Antlitz selbst schneeweiß und doch feucht umher, wo die Wärme der jungen Glieder den Schnee um sie erweicht. Ihr erstes Wort war eine herzzerschneidende Klage, eine unbewußte Anklage meiner! denn ich — ich hatte sie jäh in der Seite verwundet. Ich hatte keine Gedanken mehr an die Andern, die noch der Hülfe zu bedürfen schienen, ich hörte von Zeit zu Zeit kaum, daß man ihren Vater, dann ihre Mutter hervorzog — aber todt; auch den Fuhrmann — aber todt. Es ward Tag in dem Gewölbe wie von durchsichtigem Alabaster, nach und nach rosig und rosiger schimmernd. Die Frauen brachen von oben herab hindurch mit der dünnen Decke, und die Sonne beschien das herrliche Kind dessen Hand ich hielt, das ich gefunden, gerettet, aber auch vielleicht dem Tode geweiht hatte. Ich gab mich ihr als den Schuldigen an; aber die Andern sagten ihr auch, daß ich durch Angabe der nähern Umstände ihr Retter geworden. O wie sah sie mich an!“
„Die Kinder trampelten bald eine Treppe herab, und ich führte sie mühsam hinauf. Droben auf dem Rande des Schnee-Kessels umher stand eine Wallfahrt, den führenden Priester in ihrer Mitte; und als sie erfuhren, daß drei Todte da unten lägen, das eine Pferd ungerechnet, stimmten sie ein frommes Lied an, wozu die lebendiggebliebene Tochter weinte, und mit dem Gesicht in dem Schnee lag. Aber da waren auch die Mühlknechte


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und Mägde, die neun Töchter des Müllers, und der Müller Schreckhorn — ihr braver Vater! Zu ihm nun brachten wir Emmelinen in die Mühle. Auch ich blieb dort — so lange — meinte mein Herz — bis ich wüßte, daß sie gewiß genese! Indeß wurden ihre Aeltem begraben. Ich ließ den drei Tobten die gebrauchlichen drei Kreuze sehen. Das Haus war verfallen. Die Tochter war arm, und hatte Niemanden. Ihr Vater, lieber Schreckhorn, war schon mit neun Töchtern begabt; ich ließ ihm merken, daß ich das liebe siebenzehnjährige, aber herrlich gewachsene Mädchen daheim zum Weibe nehmen wolle. So hieß man nun unsere gegenseitige Neigung gut! Nach sechs Wochen verlobten wir uns, und so nahm ich sie heim. Wie glücklich wir gelebt, wissen Sie, seit Ihr Vater Sie aus Iferten „vom Pestaluzz“, wie er ihn nannte, nahm, und, mir empfohlen, hierher schickte. Sie verlangte so sehr einmal in ihre Heimath, die sie der Tochter zeigen wollte — Paß, Kleider, Alles liegt bereit, und nun! — Der Mensch ist das einzige undankbare Geschöpf — je länger er sehr glücklich gewesen, je mehr klagt er nachher, wenn sein Glück sich aufgelöst, wenn ihm Nichts geblieben!“


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