Motto: Was nicht dein ist, das laß 
      liegen.

Der Seelenmarkt
Novelle von Leopold Schefer

bullet1 Herr Warnkönig

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    Im Buchladen war's so recht heimtückisch kalt. Da draußen plötzlich Thauwetter eingetreten, und die Sonne das tausendmal gebrauchte und doch so reine weiße Leichentuch von der alten Erde nahm, und den Menschen wieder den darunter noch schlafenden Engel — den heimlichen heiligen Frühling, zeigte, so brach nun die Kälte aus den dicken Mauern des lichtgrünen Gewölbes hervor, ja sogar die Schriften so vieler aufgekasteten Geister hauchten eine barbarische Kälte aus, zum Fingererfrieren, wer sie anrührte. Es war Montag-Morgen. Herr Warnkönig, Verleger, Buchdrucker, Sortimenthändler und Commissionär, einer der solidesten auswärtigen Buchhändler, saß auf seinem Drehstuhl am Fenster in seinem Gittervermach, wie ein Apotheker. Sein großer grauer Friesoberrock war zu diesem Winter nicht neu geschafft. Dagegen der schwarze Flohr ganz neu, den er um seinen linken Oberarm trug, denn seine Frau war die vorige Woche begraben. Die Hand, mit der er das Folioblatt seines Contobuches unbewegt hielt,


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    war ganz verklommen und roth vor Kälte, die er jedoch nicht zu spüren schien. Obgleich noch nicht sechszig Jahr alt, stachen doch grau sich verfärbende kurze Haar unter dem schwarzen Sammetkappchen hervor, das er von Zeit zu Zeit mit der linken Hand auf dem Kopfe drehte, wie ein Windmüller die Haube seiner holländischen Windmühle, so daß es binnen fünf Minuten gewiß zweimal die Runde machte. Zuletzt schien er nur noch durch die Brillengläser zu sehen, aber die Augen waren ihm zugefallen, oder hatte er sie vor Kummer geschlossen; und so saß er und schien zu schlafen, ob es gleich erst früh am Tage war.
    Ihm gegenüber saßen, hinter dem zweiten Ladentische am andern Fenster jenseits der Thüre, ein paar bejahrte ehrliche arme Bürger mit Seitengewehr. Man hatte ihnen wahrscheinlich einen kleinen ruhigen Verdienst bei Bewachung des ehrlichsten aller Warenkönige gönnen wollen, denn der Eine sprach: „Bruder Bock! Er ist doch noch da?“ „Da sitzt er ja und schläft, der arme Mann; Vater Veit!“ — antwortete Bruder Bock, indem  er aus einem großen Bilderbuche auf und hinüber sah.
    „Bruder Bock!“ versetzte Vater Veit leiser: „daß nur nichts hinter dem Schlafe steckt! Ein solcher Mann hat scharfe Federmesser und dergleichen! Halb verblutet er sich, halb stirbt er, und halb erfriert er; und wir sind um die paar Groschen auf wer weiß noch auf wie viel Tage, ehe er bezahlt,


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    denn wie weit ist noch zur Messe! und Mancher erlebt sie und den Zahlwochen-Donnerstag-Mittag sein Lebetag nicht, Bruder Bock!“
    „Schäme dich, Vater Veit,“ sprach Bruder Bock mit dem Kopfe schüttelnd. „So ein Mann hat einen Kopf wie eine Scheune und krabbelt sich wieder auf; es hängen zu Viele an ihm, und er sieht so ehrlich aus, daß ich mit vollem Zutrauen sein Frühstück — nicht seines, bewahre! nein, unser Frühstück verzehren wollte, wenn er es nur brachte, oder bringen ließe durch seine Tochter droben. Danieln in der Löwengrube kann der Magen nicht ärger geknurrt haben. Hier thäte ein guter Danziger Noth, denn Du weißt, die Franzosen sind in Rußland eigentlich erst verhungert, danach erfroren, und dann erst geschlagen worden — hier stehts!“
     „Denke nur nicht an das Essen vor der Zeit, sonst hungert Dich für sechs Mann;“ entgegnete Vater Veit. „Aber ich muß ein wenig zuschauen; denn ich bin einmal auf der Polizei gewesen, da hab' ich es weggeschnappt: die Polizei — und wir sind ein Stück oder zwei Stücke davon — die Polizei darf Keinem absolut trauen, sondern muß immer scharf beobachten: wie Jeder in affectivem Falle wirklich ist; und wenn selber der Khalif Amor, oder der heutige und morgendsche türkische Kaiser so Etwas von Närrischwerden verspüren ließe, gleich muß sie denken: auch Der kann närrisch werden! und ohne allen Respect muß sie sich


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    gleich ins Mittel schlagen! zuschlagen, einstecken! Das ist Polizei! hohe Polizei! Bruder Bock!“
    „Ich werde lieber gehen, oben den Wachsstock anzünden, und wieber ein Paar Papiergeister in das kleine Zugöfchen schieben,“ sprach Bock; „dabei bringe ich uns der lieben Mamsell in Erinnerung, wenn ich so verfroren vor ihr stehe!“
    Und so ging er und bat sich, wie ein Schulknabe vom Cantor, aber zu Herrn Warnkönig tretend, erst Erlaubniß aus: „einmal hinaus zu'gehn!“ Herr Warnkönig ermunterte sich, sah ihn an, ließ sich wiederholen, was Bock gebeten hatte, lächelte und sprach: „Ihr seid ja meine Wächter!“
    „Das weiß ich wohl,“ sprach Bock, „aber Sie sollen es nicht übel nehmen, daß ich das gute Zutrauen zu Ihnen habe, Sie mit dem alten Vater Veit, alleine zu lassen! Wahrhaftig, mir kommen die Thränen in die Augen! Denn — Taback muß ich rauchen, und wenn ich am Pulvermagazin Wache stände, geschweige wenn Einer seit Mitternacht um Zwölfe nüchtern ist, denn die alten Leute haben zeitig Morgen! — So schlich er zur Seitenthür, die ins Haus führte.


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